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Liebe geht durch den Magen

Im wunderschönen Regensburg an der Donau schlemmen wir von früh bis spät und genießen trotz vieler anderer Touristen die Ruhe und Langsamkeit der Stadt.

Anders als die letzte Woche ist die Sonne an diesem Samstag bereits lange am Himmel, als ich den ersten Fuß neben das Bett setze. Auch der kleine Aiko liegt noch zusammengerollt neben meinem Rucksack und erholt sich von den sportlichen Etappen im Bayerischen Wald. Meine Freundin besucht uns zum zweiten Mal. Wir haben uns Regensburg als Treffpunkt ausgesucht, das mir inzwischen schon von mehreren Menschen als eine der schönsten Städte in Deutschland angepriesen wurde. Nach einem kleinen Spaziergang für die neue schwarz-weiße Touristenattraktion in Regensburg beginnen wir unser kulinarisches Wochenende mit einem vorzüglichen Frühstück im Caffè Rinaldi am alten Kornmarkt. In den letzten Tagen dienten die opulenten Frühstücke in den bayerischen Pensionen lediglich der Energieaufnahme und so freuen sich nicht nur meine Augen über einen üppig gefüllten Teller mit feinen verschiedenen italienischen Hartkäsesorten, Bresaola, zwei Spiegeleier, viel Obst und einen frischgepressten O-Saft. Dazu noch ein Latte Macchiato für den ich mich an meinem heimischen Siebträger auch gut anstrengen müsste lassen mein Herz höher schlagen.

Die Temperaturen steigen und wir schlendern durch eine herrliche Stadt, die oft als nördlichste Stadt Italiens bezeichnet wird. Mir gefällt das Flair und ich hoffe, dass mir Lena, als alte Italien-Liebhaberin, endlich nächstes Jahr ihre Lieblingsorte zeigen wird. Auch der Aiko begeistert sich für Regensburg und erhält bei Zookies eine köstliche Portion an Hundekeksen. Der Laden gefällt nicht nur Aiko, sondern auch uns, weil Zookies mit ihrem Gewinn viele Tierschutz- und Hilfsprojekte unterstützt.

Die großflächige guterhaltene Altstadt säumt sich um wunderschöne Plätze, die es in dieser Stadt vielfach gibt. Am Rathausplatz setzen wir uns an den Brunnen, genießen ein paar Pralinen der Prinzess Café Confiserie und schauen zu, wie ein gut spielender englischer Straßenmusiker den Platz für 14 junge Menschen in Tracht räumt, damit sie ihr Brauchtum in Form eines Tanzes vorführen können, der nicht nur Touristen begeistert. Lena staunt mit offenem Mund über das Schuhplattlern der jungen Burschen, Aiko träumt mit offenem Mund, dass er die Fontäne des Brunnens erreicht.

Wir genießen die Langsamkeit des Tages und trödeln durch die Gassen, bis ein liebevoll eingerichteter Teeladen unser Interesse weckt. Für einen Tee ist es deutlich zu warm, aber ein lecker gemachter Eistee begleitet uns bis zum Eisladen Stenz, dem wir nach gestern inzwischen den zweiten Besuch abstatten. Rund zehn leckere und zum Teil ausgefallene Eissorten erwarten uns. Für Geschmacksexplosionen sorgen das Basilikumeis und das Stenzeis mit Prosecco und Minze. Auch die klassischen Sorten wie Haselnuss, Vanille und Erdbeere sind ein Gedicht, die wir am nahegelegenen Bismarckplatz genießen. Unweit dieses mit zwei Springbrunnen bestückten Platzes befindet sich ein Laden mit dem vielsagenden Namen “Schlemmer Duo”. Bereits letzte Woche Freitag presste ich zu später Stunde meine Nase an die Ladenscheibe. Wir nähern uns dem Geschäft und die Augen von Lena werden immer größer und mich begeistert als Erstes die gute Temperierung im Inneren des Fernschmeckertempels.

Die Auswahl erscheint grenzenlos und die Entscheidung fällt uns sichtlich schwer. Lena entscheidet sich letztendlich für Entenbrustsalat, Oktopus und Schwertfischcarpaccio und lässt sich einen passenden trockenen Weißwein vom Chef des Hauses empfehlen. Meine Wahl fällt auf eine Käseplatte und einen Dessertwein. Neben neun köstlichen Sorten wird mir zu jedem Käse und gefühlt zu jedem Liter Milch, die passende Entstehungsgeschichte erzählt. Dazu reicht man uns selbstgebackenes Walnussbrot. Es mundet vorzüglich und unsere Begeisterung für das umfangreiche Wissen des Besitzers ist grenzenlos. Wir kommen mit dem Feinschmecker ins Gespräch, weil mir das alte Motorrad der Marke Simson und der darüber hängende Fußballschal von “Erzgebirge Aue” schon beim Betreten des Ladens ins Auge gefallen ist. Er erzählt uns, dass er unweit von Aue in Zwickau geboren ist und noch immer alle zwei Wochen zu den Heimspielen nach Hause fährt, was wiederum nicht so weit von meinem Geburtsort entfernt ist. Mich fasziniert die Lebensgesichte, denn bekanntlich stand die DDR nicht für kulinarische Vielfalt. Aber dieser Mann hat nach seiner Meisterprüfung als Metzger einen Laden aufgebaut, der die pure Leidenschaft für den Genuss von hervorragenden Lebensmitteln verkörpert. Wir bedanken uns für den kulinarischen Urlaub unserer Gaumen und die schöne unterhaltsame Stunde und verlassen mit einer unglaublichen Zufriedenheit diesen Ort in Richtung Donau.

Am Ufer dieses schwergewichtigen Flusses treffen wir vor allem Amerikaner, die per Schiff alle wichtigen Orte und Sehenswürdigkeiten entlang der Donau abklappern. Bewaffnet mit Essensgutschein gibt es für sie Regensburger Würstchen in der ältesten Bratwurstküche der Welt nahe der imposanten steinernen Brücke. Von der Größe sind die Würstchen mit Nürnbergern vergleichbar, aber vom Geschmack gewinnt für mich klar die Wurst aus dem Frankenland. Neben den vielen Touristen wird das Bild in den Abendstunden aber vor allem von jungen Menschen in Tracht geprägt. Sie sind auf dem Weg zur Dult – einem großen Volksfest. Meine Vorurteile, dass Trachten nur noch von alten Menschen getragen werden, revidiere ich spätestens an diesem Abend. Es wirkt weder bieder noch altbacken, sondern schick und in Teilen sogar sexy.

Unsere kulinarische Reise durch Regensburg beenden wir im Restaurant “Roter Hahn“. Feine deutsche Küche wird hier serviert. Meine Brotsuppe mit Pfifferlingen ist köstlich, aber der krönende Abschluss des Abends ist ein Steinpilz-Cappuccino, der sowohl geschmacklich als auch optisch auf sehr hohem Niveau ist. Die Größe der Tasse spricht zwar eher für einen Milchkaffe, aber die Farbe der Suppe passt zu einem feinen Cappuccino und die Schicht mit Milchschaum sorgt für eine tolle Kreation. Für den sicheren Heimweg sorgt der uns stetig lieb und in Seelenruhe begleitende Aiko. In den letzten Wochen fiel es mir schon vermehrt auf, dass er einen zielsicher zur Unterkunft navigieren kann, auch wenn wir nur einmal da waren, um unser Gepäck dort abzuladen. Lena will es erst gar nicht glauben, aber nachdem ich die Leine etwas länger mache erhöht Aiko das Tempo und führt uns mit einer bemerkenswerten Geradlinigkeit nach Hause. An einer Straße, die wir nicht an der Ampel gequert haben, bleibt er stehen und wartet auf ein Zeichen, bevor er freudig über die Straßen hüpft und seinem Futter immer näher kommt, dass er wenige Minuten später von einer begeisterten Lena serviert bekommt.

  1. Lieber Jens, vielen Dank :-)

    Ich hatte im letzten Jahr die Gelegenheit, 7 Monate in Regensburg zu verbringen, am 15.10.10 bin ich aufgebrochen zu anderen Zielen. Dein wunderschöner Bericht lässt mich in vielen schönen Erinnerungen schwelgen.
    Eine gute Reise wünsch ich Euch :-)
    Danke für tolle Texte und unglaublich schöne Fotos!
    Silke

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