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Ein Hundeleben

Ein rabenschwarzer Morgen für Aiko und scheußliches Wetter trüben die Vorfreude auf einen Klassiker der Bergwanderung – die viertägige Watzmann-Tour.

Es ist kurz nach sieben Uhr als Aiko und ich gerade den ersten Fuß beziehungsweise die ersten Pfoten auf den Bahnsteig am Gleis 4 in Regensburg setzen, als schroff von der Seite die Frage kommt, wo denn der Maulkorb für den Hund sei. Ich bin mir meiner gesetzeswidrigen Handlung bewusst, aber versuche mit gespielter Unwissenheit Aiko das Schicksal zu ersparen. Die engagierte strenge Dame verweist mich an die Zugbegleiterin, die über mein Fehlverhalten entscheiden soll. Ich sehe sie am Ende des Gleises und gehe langsam und mit größter Freundlichkeit auf sie zu. Ich erspähe einen kleinen Hund ohne Maulkorb im Zug und bin guter Dinge. Der Aufprall fühlt sich an wie die Ostwand am Watzmann. Die engagierte strenge und unfreundliche Dame der Privatbahn teilt mir in ihrem zweiten Satz mit, dass wenn ich in den Zug steigen würde, sie die Polizei rufen könnte, um mich wieder aus dem Zug zu entfernen. Das war deutlich und mein Frust ist unbeschreiblich. Ich habe absolutes Verständnis für das Thema “Maulkorbpflicht”, aber mich regt es immer wieder auf, dass es nicht für alle Hunde gilt, sondern nur für große Hunde. Natürlich haben sie mehr Kraft und ein größeres Gebiss, aber die kleinen Wadenbeißer können auch mehr als nur zwicken. Dazu kommt noch, dass man nur für große Hunde ein Zugticket kaufen muss, dass in meinem Fall die gleichen Kosten verursacht wie mein Ticket mit Bahncard 50. Und es wird noch ärgerlicher, wenn man weiß, dass Aiko immer im Zug schläft.

Ein Spaziergang im Park vor dem Bahnhof und die Stimme meiner Freundin heben meine Laune ein wenig an und die Suche nach einer Lösung beginnt. Geschäfte für den Tierbedarf haben so früh noch nicht auf und befinden sich auch nicht im Zentrum von Regensburg. Aber bereits der zweite Tierarzt kann mir helfen und verkauft mir für 6,90 Euro so einen widerlichen Maulkorb. Kurz vor dem Bahnhof spiele ich ein wenig mit Aiko und probiere ihn behutsam an den Maulkorb zu gewöhnen. Seine Gegenwehr ist groß. Er bleibt immer wieder stehen und versucht sich den Maulkorb mit der Pfote zu entfernen. Viele unterschiedlich zu deutende Blicke von Passanten erreichen uns an diesem betriebsamen Montag vor dem Bahnhof. Mein Frust wandelt sich in Mitleid für Aiko und weder das liebevolle Zureden noch das Ignorieren erweisen sich als sinnvolle Taktik. Stellenweise nimmt er es hin, bleibt dann aber wieder stehen und probiert erneut sich von der Beklemmung zu befreien. Irgendwann sind wir im Zug und seine Augen sprechen eine klare Sprache. Traurige kleine Augen schauen mich immer wieder an und fragen nach dem Warum für diese Bestrafung. Mit vier Stunden liegt die längste Zugfahrt meiner Reise vor mir und mit dreimal Umsteigen wird es zu einer Tortur für uns. Als beim erneuten Umsteigen ein älterer Herr zu Aiko sagt, dass er ihn heute nicht beißen kann, platzt mir der Kragen. Vor Angst in den anderen Zügen auch wieder eine Lektion vom Zugpersonal zu erhalten, muss Aiko sich leider noch bis zum Bus gedulden, wo sich die Busfahrerin zum Glück sichtlich über den hübschen Kerl freut.

Aikos Freude hält sich selbst noch in Grenzen, als ich voller Freude am Busbahnhof in Berchtesgaden Kai begrüße. Vor gut drei Wochen erreichte mich eine E-Mail von ihm, in der er mich fragte, ob er mich ein Stück begleiten darf. Obwohl ich die Zeit allein sehr genieße, freue ich mich total über die erneute Begleitung. Neben interessanten und ernsten Gesprächen über die Welt der Werbung und unsere Einstellung und Arbeit in dieser Welt freue ich mich auch auf viele Lacher und die gemeinsame Anstrengung in den Bergen. Für uns soll es für vier Tage um das Watzmannmassiv gehen, wozu es vom Deutschen Alpenverein eine schöne ausgearbeitete Tour gibt. Wir machen uns auf zu unserer Unterkunft in Unterschönau, wo Kai ein glückliches Händchen bei der Buchung hatte. Nach kurzer Pause brechen wir trotz Regen auf und gehen zum Königssee, wo uns eine Westernstadt erster Güte erwartet. Neben wenig einladenden Cafés und Restaurants kann man den kompletten Trikotsatz der Deutschen Fußballnationalmannschaft, Dirndl und was die rangekarrten Bus-Touristen noch an so einem Ort erwarten auch kaufen. Heute ist die Meile mit den Pappmaschee-Fassaden aber nicht so überfüllt.

Bei stärker werdendem Regen müssen wir in ein Café flüchten, wo ich ein Käsebrötchen bekomme, was mich an meine alte Cafeteria im Gymnasium erinnert. Um unser Touri-Programm zu komplettieren, buchen wir eine Bootstour auf dem Königssee, wo uns aber eine sympathische Crew an Board erwartet. Ein unterhaltsamer Bayer der Mannschaft antwortet auf die Frage, ob er seine Erklärungen auch auf Englisch für die asiatischen Touristin formulieren könnte mit einem breiten Grinsen und den Worten “Nix Englisch, Bayerisch”. Die scheinbar bekannte Trompeteneinlage dürfen wir auch erleben und sind beeindruckt. Das Echo der schier endlosen Wand ist gewaltig und selbst der miesepetrige Aiko hebt kurz seinen Kopf. Bevor wir die Westernstadt verlassen erhalten wir in der Touristeninfo noch ein paar wertvolle Tipps für die beste Route zum Watzmannhaus mit Hund. Ich bin sehr auf die Schwierigkeit der Strecke im Vergleich zu meinen Touren in Norwegen gespannt, denn die Aussagen der Dame flössen mir ein wenig Respekt ein. Jedenfalls so viel Respekt, dass wir uns eine Karte aufschwatzen lassen, obwohl ich bei der guten Beschilderung bis jetzt fast nie mein GPS aus der Tasche am Rucksack geholt habe. Auch auf die Fitness von Kai bin ich ebenfalls gespannt. Er läuft zwar regelmäßig mit seinen Arbeitskollegen, aber bei meiner Geburtstags-Tour im Harz war auch er ordentlich am Schwitzen und die letzte Woche hatte er noch Probleme mit dem Knie und bekam deswegen Spritzen. Aber sollten wir den Aufstieg nicht schaffen, hatte ich von einem Leser – an dieser Stelle liebe Grüße nach Teisendorf – eine tolle Übersicht der Almen erhalten, um das landschaftliche Juwel im südöstlichen Zipfel der Republik auf geringer Höhe zu erkunden. Trotz anhaltendem Regen gehen wir am Abend noch einmal vor die Tür und genießen im gemütlichen und verwinkelten Grünsteinstübl ein leckeres Essen und stimmen uns auf den morgigen Tourstart ein.

  1. …und schon wieder haben wir uns knapp verpasst: erst vor kurzem war ich wieder zum Wandern am Königssee – allerdings mit durchgehend strahlendem Sonnenschein. Ich hoffe, ihr hattet auf eurer Tour um den Watzmann auch noch etwas mehr Glück mit dem Wetter, als am ersten Tag – es wäre doch sehr schade, wenn ihr diesen wunderschönen Flecken Erde nur so wolkenverhangen erlebt hättet.

    • Hej Ben,

      so ein Mist! Aktuell bin in auf dem Pfälzer Weinsteig von Norden nach Süden unterwegs, dann den Saar-Hunsrück-Steig, dann vermutlich Hohes Venn in der Eifel und zum Abschluss den Urwaldsteig im Nationalpark Kellerwald-Edersee.

      Der zweite Bericht zur Watzmann-Tour ging gerade online!

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