article_19/100tage_19_

Der Zyklus der Natur

Mit jedem Höhenmeter steigt die Kondition und die Belohnung sind beeindruckende Einblicke in den Kreislauf der Natur.

Wir starten früh in den nächsten Tag, denn der Aufstieg zum Rachel hat 800 Höhenmeter und der Respekt vor Höhenmetern ist weiter groß, vor allem weil danach noch weitere 10 Kilometer folgen. Erst auf breiten Forstwegen und dann auf schmalen Pfaden kommen wir zügig in die Kernzone des Nationalparks. Hier bleibe ich immer wieder wie angewurzelt stehen, weil mich die brachialen Veränderungen durch Kyrill und den Borkenkäfer beeindrucken. Genau in so einem Moment kommt mir ein freudiger Mann der Nationalparkwacht entgegen und ich nutze die Gunst der Stunde und lasse mir einige Sachverhalte erklären. Mir war zwar schon bewusst, dass die Endzeitdarstellung der Medien wie so oft überzogen ist, aber wie viel neues Leben durch so eine Veränderung entsteht, überrascht mich dann auch. Er gibt mir einige Tipps, wo ich fast zusehen kann, wie die neuen Fichten in die Höhe sprießen. Nach der spannenden Erklärung kann ich mich ein wenig revanchieren und nenne ihm Namen und Preis von Aiko’s Rucksack, denn er findet ihn klasse und möchte auch einen für seinen Bayerischen Gebirgs-Schweißhund kaufen.

Wenige Meter später erreichen wir den Rachel und ich bin mehr als zufrieden, dass die Kondition so gut mitgemacht hat. Als ich im Waldschmidthaus am Rachel eintrete und mir zur Belohnung einen Tiefkühl-Germknödel gönnen möchte, will ein Mann direkt Platz für mich machen, weil er mich für den Ranger hält. Gemessen an dem Herren, der mir gerade die Flora und Fauna vor wenigen Minuten erklärt hat, liegen Welten zwischen mir und einem Ranger, und so nehme ich draußen Platz und genieße die Sonnenstrahlen, die immer wieder einen Weg durch die Wolkendecke finden. Die Hütte füllt sich und ich schnalle meinen Rucksack wieder auf und steige zum Rachelsee ab, der in einem Kessel von Fels und Bäumen liegt. Ich setze mich etwas abseits der Bänke auf einen Stein und gönne meinen Füßen eine Abkühlung. Das Wasser ist klar, aber dennoch wirkt der See wie ein schwarzes Loch. Es wundert mich nicht, dass eine der Mythen über den See besagt, dass man früher glaubte, es wäre ein Zugang zur Unterwelt. Nach der Racheldiensthütte muss der kleine Aiko noch einmal Geduld zeigen. Ein kleiner Bachlauf mit einer schönen Wasserstufe möchte fotografiert werden. Ihm missfällt sein Platz an der Brücke, weil er nicht sehen kann, wo ich bin und was ich mache. Also geht es am unwegsamen Uferrand wieder zurück und ich nehme ihn mit. Er schnuppert sich die Nase wund und ich benötige einige Zeit, um eine brauchbare Langzeitbelichtung mit meinem leichten und kurzen Mini-Stativ zu bekommen.

Bei der Ankunft im Berggasthof Lusen im Dorf Waldhäuser tritt das ein, was früher oder später auf so einer Reise passieren muss. Mein Zimmer ist noch belegt, weil ein Mann einen Schwächeanfall hatte und seine Frau hier auf ihn warten möchte. Erstaunt bin ich nicht, denn bei der Altersstruktur der Gäste im Bayerischen Wald hätte ich so eine Situation schon viel früher erwartet. Die Chefin des Hauses sagt mir, dass sie mich in einem privaten Zimmer bei sich unterbringen kann. Sie formuliert es so, dass ich das Schlimmste erwarte, aber das Gegenteil tritt ein. Ich erhalte das Zimmer, das sie für die Besuche der Tochter eingerichtet haben. Ein geräumiges Zimmer mit Doppelbett und guter Matratze, Sofa und Tisch sind mehr als ich in der Regel habe und es zeigt auch die Liebe zur Tochter.

Für unsere letzte Etappe im Bayerischen Wald sind wir am Freitagmorgen wieder früh auf den Beinen. Sie führt lediglich von Waldhäuser nach Schönau, wo das Nationalparkzentrum Lusen mit seinem Baumwipfelpfad der Endpunkt einer wunderbaren Zeit werden soll. Die Atmosphäre und Freundlichkeit auf den Hütten, die Sonnenuntergänge und -aufgänge, die Fernblicke, die Berge, die Bäche, der Zyklus von Leben und Sterben der Natur machen den Bayerischen Wald zu einem Höhepunkt meiner Reise. Nachdem ich ein wenig orientierungslos durch das Freiwildgehege laufe und einfach keine Ausschilderung für den Baumwipfelpfad finden kann, bleibe ich mit offenen Mund bei den Braunbären stehen. So früh stehen lediglich zwei andere Personen mit mir an dem Arial, die das Toben und das Kräftemessen von zwei kleinen Braunbären im Wasser beobachten. Der Moment berührt mich sehr. Es ist nicht Mitleid wie bei Tieren im Zoo oder Zirkus, es ist ein positives Gefühl, obwohl auch die beiden in Gefangenschaft leben. Aiko ist aufgeregt und will unbedingt eine bessere Sicht auf die Bären haben. Er stellt seine Vorderpfoten auf das Geländer. Er wedelt und fiept zugleich, doch die Bären sind so in ihrer Welt und ignorieren ihn komplett. Auch am Gehege der Biber bleiben wir einige Zeit stehen, aber kein Biber ist zu sehen, lediglich eine enorm große und beeindruckende Bieberburg und ich denke an den Biber, den wir in freier Wildbahn im Altmühltal gesehen haben.

Den Baumwipfelpfad habe ich inzwischen innerlich abgehakt und so bewege ich mich auf das Nationalparkzentrum zu, um für die letzten Stunden die Ausstellungen und die Bibliothek zu besuchen. Bei der Ankunft stelle ich aber voller Überraschung fest, dass der Baumwipfelpfad auch hier ist und nicht wie fälschlich gedacht ein wenig abseits des Nationalparkzentrums. Große Freude bei mir und große Trauer bei Aiko, der leider nicht mit darf und solange in eine Hundebox muss. Ich weiß, dass er ein tapferes Kerlchen ist und die Zeit in der Box bereits auf dem Baumkronenpfad im Hainich Nationalpark gut überstanden hat. So kann ich ein wenig entspannter als beim ersten Mal den Baumwipfelpfad besuchen. Ein außergewöhnliches architektonisches Bauwerk bei dem sich der Pfad – ähnlich wie bei der Kuppel des Reichtags – nach oben windet und man einen herrlichen Ausblick auf die Bäume und die Umgebung hat. So sind die letzten Bilder des Bayerischen Wald geprägt von Holz und Stahl eines imposanten Bauwerkes. Wenig später machen wir uns dann auf den Weg nach Regensburg, wo ich gemeinsam mit meiner Freundin das Wochenende entspannen und schlemmen möchte.

  1. Ich bin heute morgen per Zufall auf deine Seite gestossen und TOOOOOTAL beeindruckt! Schon Kerkelings Pilgerwanderung hat mich total angefixt.
    Du hast das nun wieder geschafft :-)
    Aber als Frau alleine mit Hund durch die “Weltgeschichte”? Da bin ich dann doch zu sehr ein “Angsthase”.
    Deine Reiseberichte sind klasse. Ich geh’ dann mal weiterlesen ;-)

    Viele Grüße
    Willow

    • Hej Willow,

      es freut mich, dass Dich meine Berichte “angefixt” haben auch wenn ich mich klar von einer religiösen Intention distanzieren möchte. ;)

      Du kannst ja erst einmal mit einer kleinen Wandertour bei Dir in der Gegend beginnen.

      Viel Spaß und viele Grüße
      Jens

  2. ich verfolge eure sechsbeinige wanderung schon von anfang an – von zypern aus. tolle idee und auch die social-media-umsetzung hier. die frage, die ich seit monaten sozusagen habe: wie finanziert sich das? hast du ein sabbat-jahr genommen, eine erbtante in sicht oder schreibst du hernach ein buch – und hast dafür vom verlag schon einen zuschuss bekommen?

Kommentar schreiben