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Endstation Deutschland

Bei traumhaften Wanderwetter geht es auf dem Goldsteig über den Grenzort Bayerisch Eisenstein weiter zum Berg Falkenstein.

Die Begeisterung über den gestrigen Sonnenuntergang lässt mich auch an diesem morgen früh aufstehen. Zudem konnte ich erstaunlich gut schlafen, obwohl Aiko nicht im Zimmer schlafen durfte und eine Etage tiefer sein eigenes kleines Nachtlager hatte. Geschwind sind alle Fotosachen gepackt und wir warten auf den Aufgang der Sonne. Der Ausblick und die Stille sind ergreifend und ich probiere den Moment in mich aufzusaugen. Zum ersten Mal auf meiner Reise mache ich einige Bilder mit Selbstauslöser, weil ich mir auch auf diesem Wege eine Erinnerung erhalten möchte.

Am Frühstückstisch treffen wir eine Mutter und ihre Tochter wieder, denen Aiko bereits gestern Abend den Kopf verdreht hat. Es wird ein längeres Frühstück und sie erzählen von ihrem Mutter-Tochter-Urlaub, der nach vier Tagen Wellness eigentlich mit einer Bergtour auf dem Meraner-Höhenweg weiter gehen sollte. Die gut aussehende Mutter hat aber nach einer 10 tägigen Radtour an der Donau Leistenprobleme und so wird es leider nichts mit dem Wandern. Nachdem ich einige Fragen zu Aiko beantwortet habe, erzählen wir uns gegenseitig von unseren vergangenen Reisen und ich von meinen Plänen für die nächsten Tage und Wochen.

Bei erneut herrlichem Sonnenschein steigen wir über hohe Steine – teilweise in Treppenform – und stark verwurzelten Untergrund ab nach Bayerisch Eisenstein. Ein sportlicher Weg – für Auf- und Abstieg. Als eine ältere Dame mir die Frage stellt, ob der Weg noch besser wird, verstehe ich auf der einen Seite ihre Frage, aber auf der anderen Seite fällt mir die Antwort auch sehr schwer. Natur sollte für jeden zugänglich sein, denn nur was man kennt, kann man überhaupt als schützenswert einstufen. Aber im Umkehrschluss muss es auch die kleinen schwierigen Pfade geben, die einen mehr das Gefühl der Wildnis und Natur vermitteln als geschotterte oder betonierte Forststraßen, die es auch als Aufstiegsmöglichkeiten zum Arber gibt.

Mit großer Spannung erreichen wir Bayerisch Eisenstein, denn hier müssen wir unbedingt Futter für Aiko kaufen. Der Grenzort am Fuße des Arbers wirkt wie ein typischer Wintersportort. Zahlreiche Unterkünfte, überproportional viele Sportgeschäfte und an einem Nachmittag bei herrlichem Sommerwetter fast ausgestorben. Geschlossene Hotels und Metzgereien sind zudem Zeitzeugen, dass die letzten Winter nicht so gut waren oder einfach die Gäste ausblieben. Zum Glück gibt es einen kleinen Dorfladen und einen Drogeriemarkt, wo wir Futter für Aiko und ein paar Sachen für eine Brotzeit bekommen. Aiko’s Freude ist riesig und im Quartier verputzt er voller Elan eine amtliche Portion des unbekannten neuen Futters.

Am nächsten Morgen besuchen wir den Grenzbahnhof und gehen ein paar Schritte auf tschechischen Boden, bevor es danach in den Bayerischen Nationalpark geht. Die Anzahl der Wanderer ist deutlich geringer als um den Arber, lediglich in der Gegend um Schwellhäusl rollen uns ein paar Wanderpatrouillen inklusive eintöniger Kommentare zu Aiko und seinem Rucksack entgegen. Umso weniger die Menschen mit Wandern am Hut haben, umso befremdlicher erscheint ihnen der Rucksack von Aiko. Den Leuten, die mich nett fragen, erkläre ich, dass Aiko sein eigenes Futter trägt. Die älteren Herrschaften, die bereits um 11 Uhr alle Schnapsbrennereien der Gegend leer getrunken haben, erhalten keine Antwort, denn sie wollen sowieso nur ihre unbeschreibliche Witzigkeit vor der Gruppe präsentieren.

Wie schon am Vortag folgen wir bis zum Mittag flachen und klaren Bächen, die Aiko voller Freude durchwatet. Kurz nach dem Zwiesler Waldhaus machen wir eine längere Rast, um Kräfte für den folgenden Anstieg zu sammeln. Allein auf breiteren erdigen Wegen erreichen wir verschwitzt eine Schachte, sprich eine ehemalige zum größtenteils baumfreie Weidewiese. Kurz danach machen wir einen kleinen Abstecher zum Kyrill-Erlebnispfad, obwohl mir die leicht inflationäre Verwendung des Wortes “Erlebnispfad in Natur- und Nationalparks dieses Landes schon ein wenig auf den Keks geht. Der Weg zeigt aber eindrucksvoll, dass durch die auf den ersten Blick verheerend erscheinende Naturkatastrophe auch viel neues Leben entsteht.

Im Schutzhaus am Großen Falkenstein, der 1315 Meter hoch ist, erwartet uns ein Hüttenwirt aus dem Bilderbuch. Herzlich werden Aiko und ich von Jürgen begrüßt und haben sogar Glück, dass wir gemeinsam im Schlafraum nächtigen dürfen. Davor speise ich aber noch mit einer 13-köpfigen Jugendgruppe und vier weitere Gästen ein einfaches, aber ehrliches und stärkendes warmes Abendessen. Den Abend lasse ich erneut beim Sonnenuntergang auf dem Gipfel und einer unbeschreiblichen Ruhe ausklingen. Ein Gefühl der Ausgeglichenheit und Zufriedenheit erfüllt mich, das mich immer wieder in die Natur treibt.

  1. Hallo Jens, wir verfolgen in Abständen deinen Weg. Ganz prima wie Du mit Aiko vorwärts kommst.Die Natur und die Menschen auf diese Weise zu erleben ist doch eine besondere Erfahrung.Wenn der Weg auch manchmal beschwerlich ist, wir wünschen Dir noch viel Spaß.
    Tante Doris und Onkel Lothar

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