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Unsere Acht-Tausender-Tour

Bereits um 6 Uhr starten wir mit großen Erwartungen in Eck unsere Etappe, um die Nacht auf dem 1456 Meter hohen “Großer Arber” zu verbringen.

Sebastian sitzt bereits im Zug nach Berlin, als sich meine Wege noch einmal mit denen meiner Eltern kreuzen. Von Eichstätt aus soll es für mich über Regensburg nach Arrach im Bayerischen Wald gehen, um die nächsten Tage einen Teil der Nordvariante des Goldsteigs zu wandern. Auf dem Weg liegt der Donaudurchbruch und das Kloster Weltenburg und so nutzen wir die Chance auf die letzten gemeinsamen Stunden für die nächsten gut 70 Tage. Ohne großes Vorwissen wird der Nachmittag ein Höhepunkt meiner Reise. Gemeinsam mit Aiko und meinem Vater bade ich im kristallklaren Wasser der Donau und im großen Biergarten des Klosters gibt es ein unvergleichlich süffiges dunkles Bier aus der ältesten Klosterbrauerei der Welt. Am frühen Abend erreiche ich dann mein Gästehaus am Stadtrand von Regensburg. Meine Zeit reicht noch für die steinernde Brücke im Sonnenuntergang und einen kurzen Bummel durch die Stadt. Es ist ein schöner Vorgeschmack, denn nach meiner Tour im Bayerischen Wald werde ich ein ganzes Wochenende in Regensburg verbringen.

Nach einer knapp dreistündigen Zugfahrt am Samstag erreichen Aiko und ich Arrach bei tiefhängender grauer Wolkendecke, Regen und einem Temperatursturz von 16 Grad im Vergleich zum Vortag. Der Aufstieg von knapp 400 Höhenmetern bis zum Berggasthof Eck ist in 1,5 Stunden erledigt und nach der heißen Dusche heißt es entspannen und warten auf den morgigen Tag. Die Vorfreude ist riesig, denn die facettenreiche Landschaft hatte mich bereits bei einem Fotokurs vor zwei Jahren sehr fasziniert. Aber auch die sportliche Herausforderung der Route reizt mich ungemein. Am ersten Tag wollen wir gleich die bekannte Acht-Tausender-Tour gehen, bei der acht Gipfel über 1000 Meter zu überwinden sind. Als Flachländer habe ich davor und den Höhenmetern der kommenden fünf Tage großen Respekt. Entsprechend unruhig schlafe ich leider auch.

Um 6 Uhr stehe ich mit langer Hose bei 10 Grad vor dem Berggasthof. Die nächste große Etappe meiner Reise beginnt. Angetrieben von einem Bild, wo die warmen Sonnenstrahlen über einer Nebeldecke vom Gipfel des Mühlriegels aus zu sehen sind, geht es durch einen dichten nebeligen und menschenleeren Wald mit vielen hochgewachsenen Fichten. Eine knappe Stunde später stehe ich auf dem besagten ersten Gipfel und habe mit viel Wohlwollen eine Sicht von 30 Metern. Ohne Frage ein kleiner Dämpfer, aber ich hoffe auf die Chance beim Ödriegel und so geht es weiter. Das Bild ist das Gleiche und ich verabschiede mich langsam von dem lang ersehnten Fotomotiv.

Der nicht weichende Nebel lässt die Feuchtigkeit in meine Kleidung kriechen und das erste Mal auf meiner Reise ist mir spürbar kalt und ich habe eine Gänsehaut, die aber blitzartig verschwindet, als plötzlich ein Wanderer in meinem Alter hinter einem Felsen auftaucht und ich mich ganz schön erschreckt. Wir kommen ins Gespräch, er erklärt mir ein paar Gipfel und ich erzähle ihm von meiner Reise. Bis jetzt hält sich die Anstrengung erstaunlich in Grenzen und so geht es weiter von Stein zu Stein und von Gipfel zu Gipfel. Es zeichnet sich ab, dass wir mit dem Tempo bereits am Mittag an unserem großen Ziel dem 1456 Meter hohen Großer Arber ankommen werden. Die viele Zeit kommt mir gelegen und so greife ich auf eine bewerte Taktik zurück und mache öfters Halt, um mich ausgiebiger der Fotografie zu widmen. Mich reizt vor allem die radikale Veränderungen durch den Borkenkäfer und den Orkan Kyrill aus dem Jahre 2007, die neben all der Schönheit auch zum Zyklus der Natur gehört. Aiko nutzt wie immer jede Foto-Pause und schläft, um seinen Akku wieder aufzuladen. Seine effektive Taktik kommt ins Wanken, als er sich am Kleinen Arber zwischen schlafen und den Streicheleinheiten von zwei Kindern entscheiden muss.

An der Chamer Hütte, die sich kurz vor dem Großer Arber befindet, siegt die Lust am Wandern über den inneren Schweinehund und wir steigen 450 Höhenmeter zum traumhaft gelegenen Kleinen Arbersee ab. Ich gönne meinen Füßen eine Abkühlung und meinen Augen einen herrlichen Blick auf die schwimmenden Inseln des Moränensees aus der letzten Eiszeit. Aiko wird wieder von der Streichelpolizei erspäht und vom Schlafen abgehalten. Von hier unten ist das Tagesziel ein ganzes Stück in die Ferne gerückt und so brechen wir nach einer halben Stunde auch wieder auf. Der folgende Anstieg zum Gipfel hat es in sich. Erschöpft aber überglücklich erreichen wir nach insgesamt 10 Stunden den höchsten Berg des Bayerischen Waldes.

Ich erhalte ein schönes Zimmer mit eigener Dusche und WC, was viele meiner bisherigen Unterkünfte übertrifft und nichts mehr mit einem dunklen veraltetem Hüttenzimmer zu tun hat. Ich springe unter die Dusche und wasche meine Kleidung des Tages. Gerade als wir auf der Terrasse Platz nehmen, kündigen die Lautsprecher der Liftanlage die letzte Talfahrt an. Wenige Minuten später kehrt eine wundervolle Ruhe ein und ein liebenswerter Kellner serviert mir zur Belohnung einen halben Liter Buttermilch, ein Stück Käsekuchen und später noch eine schwergewichtige Pfanne mit Spiegelei, Bratkartoffeln, Speck und Bratensoße und ein kühles Radler. Ein unglaubliches Gefühl der Zufriedenheit stellt sich bei mir ein und ich genieße für eine gefühlte Ewigkeit den Ausblick ins Tal. Am Abend machen wir noch einen kleinen Spaziergang zu den vier Köpfen auf dem Großer Arber und mir gelingt ein Foto von dem kleinen Vierbeiner, dass meinen ganzen Stolz und Respekt für ihn ausdrückt.

  1. Hallo Jens,
    die Fotos von diesem Tag gefallen mir besonders gut – sehr schöne Motive, die du da festhalten konntest. Weiter so :)
    Macht auf jeden Fall Lust auf mehr … mal schauen, ob ich im nächsten Sommer mir auch mal den Süden Deutschlands etwas näher ansehen werde.

    Philipp

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