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Bei 30 Grad freiwillig
in den Steinbruch

Die Gastfreundschaft ist zwar gerade nicht auf unserem Wege unterwegs, aber mit einem guten Freund und ausreichend Humor hat man immer eine schöne Zeit.

Auf Empfehlung unserer Herbergsmutter machen wir uns zum Frühstück auf zum Café am Marktplatz. Bio-Dinkelbrot und Käse aus der Sennerei sind angeschlagen, doch unsere Teller sprechen eine andere Sprache. In trostloser Perfektion liegen vor uns eine Scheibe Edamer, eine Scheibe Kochschinken, ein Stück Butter und ein Brötchen, dass man festhalten musste, damit es Dank seiner Luftigkeit nicht abhebt. Dazu gibt es einen Kaffee, der klarer als die Altmühl ist. Als wir bezahlen, kann ich mir mit Blick auf das Bio-Käse-Regal die Frage nicht verkneifen, welchen Käse wir denn davon hatten. Die Antwort passt zum Laden und noch weit hinter dem Stadttor regen wir uns über dieses Café auf, dass sich diese schlechte Qualität und dem miesen Service nur erlauben kann, weil es in dem Dorf noch keine Marktwirtschaft gibt. Die Begeisterung für die Wegeführung auf dem Altmühltal-Panoramaweg erhält am dritten Tag leider einen kleinen Knacks, denn die Wege werden breiter und der Blick ins Land wird oft von Bäumen verdeckt.

Der erste knackige Anstieg des Weges erhöht den Wunsch nach einem Getränk mit Kohlensäure, aber die Einkehrmöglichkeiten – in der Touristikersprache als sanfter Tourismus beschrieben – sind überschaubar. Wenige Kilometer vor Eichstätt erblicke ich einen Sonnenschirm einer bekannten Eismarke und die Hoffnung auf ein Kaltgetränk steigt. Der Sonnenschirm gehört zum Fossiliensteinbruch, wo uns ein großartiges Schauspiel geboten wird. Eine Horde schlauer Kinder einer Jugendfreizeit, einige Familien und eine Handvoll ältere Menschen klopfen mit unterschiedlich viel Elan auf Steinplatten ein. Allein der Anblick bringt uns zum Schwitzen. Aber hier werden die Urinstinkte der Menschen angesprochen. Voller Stolz schleppt man kistenweise Steinplatten aus dem staubigen Kessel. Damit wir bessere Sicht auf das Schauspiel haben, frage ich einen Vater, ob wir seine Schatzkiste von der Bank auf den Boden stellen können. Ich hebe sie an und halte das doppelte Gewicht meines Rucksackes in den Händen. Meine Neugier bringt mich mit dem Fossilien-Papa ins Gespräch, der mir wie seinem eigenen Sohn die unterschiedlichen Funde erklärt. Neben Ammoniten und Seelilien hätten Sie auch kristallisierte Kacke gefunden. Er sagt das mit einer Überzeugung, dass ich mir einen Abdruck meines Gesichtsausdruckes in einer Steinplatte wünsche. Ich bedanke mich für die Einführung und er verabschiedet sich gemeinsam mit Indianer Jones Junior und Mama, denn sie wollen noch weiter zum Steinbruch nach Mörnsheim.

Unsere heutige Unterkunft wirbt vor ihrer Tür mit preiswerten Fremdenzimmern und genauso herzlich werden wir auch empfangen. Es ist mir ein Rätsel, dass man dieses Unwort in der heutigen Zeit noch verwendet, aber das ganze Verhalten der beiden Personen – vermutlich Mutter und Sohn – passt zu dem Gasthof.
Bis jetzt habe ich mich auf meiner Reise noch nie unwohler an einem Ort gefühlt. Wir springen schnell unter die Dusche und erkunden die Stadt Eichstätt. Ein leckeres Eis in der Hand, eindrucksvolle Gebäude zur Linken und Rechten vertreiben die Enttäuschungen des Tages. Das prachtvolle Eichstätt erzeugt schnell den Eindruck, dass man dank der Kirche nie mit Kieselsteinen bauen musste. Neben der beachtenswerten Architektur findet aber auch viel Kunst im öffentlich Raum statt, die ich zum Teil auch als kritischen Dialog mit der Kirche deute.

Die letzte Etappe unserer gemeinsamen Zeit führt uns in unsere Vergangenheit und in die 2 Kilometer entfernte Industriestraße 18a. In der mit Wellblech verkleidetenen »Euro-Bar« gibt es neben Spielautomaten und Billardtischen eine Leinwand, die für Sportübertragungen genutzt wird. Mein Freund, seit der Jugend der größte Phrasen-Konkurrent für Marcel Reif, Bella Rethy & Co., möchte gerne das Fußballspiel Hannover 96 gegen Sevilla sehen und ich halte es auch für den perfekten Abschluss unserer gemeinsamen Tage. Bis zum Anpfiff bietet die Lokalität ein unterhaltsames Rahmenprogramm und wir lachen und scherzen reichlich, bevor Hannover zu meiner Überraschung der Einzug in die UEFA Europa League gelingt.

  1. Steckst du mich noch einmal mit diesen unwissenden Phrasendreschern in einen Sack, binde ich dich bei der Hertha an den Pfosten und du musst die ganze Saison dort verfolgen. Auch die Auswärtsspiele. ;-) Danke (trotzdem) für den schönen Rückblick!

  2. So eine Kiste mit Steinplatten aus Eichstätt steht bei uns auch noch irgendwo im Keller! Ich bin mittlerweile absoluter Fan Deiner Bild und wünsche Dir auf Deiner Reise doch etwas mehr Gastfreundschaft.
    Grüße aus dem tollen Hessen (zwischen Taunus und Westerwald, wo es sich auch richtig toll wandert), Anne

    • Hej Anne,

      lieben Dank für deine Wünsche und dein Kompliment! Verrückt, dass ihr so eine Kiste im Keller habt! ;-) Im Taunus war ich schon einmal einen Tag von Wiesbaden aus wandern, aber noch nicht im Westerwald.

      Beste Grüße aus Bald Tölz
      Jens

  3. In welchen Zeitraum habt ihr denn eure Wanderung durch die Eifel geplant?
    Besonders der Nationalpark Eifel eignet sich zum Wandern.
    Aber es gibt auch einige interessante Punkte abseits der Hauptwanderwege.
    Es lohnt sich also sich die Eifel mal etwas genauer anzuschauen.

    Viel Spaß weiterhin
    Jutta Bungard
    Gästehaus Im Tal 18

    • Hallo Jutta,

      Ende Oktober wollte ich in die Eifel.

      Den Lieserpfad hatte ich mir schon für zwei Tage notiert! Ansonsten muss ich noch schauen, weil ich gerne die schmalen und ruhigen Pfade gehen möchte und als Untergrund Waldboden für Aiko und mich bevorzuge. Ich bin für jeden Tipp dankbar!

      Liebe Grüße
      Jens

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