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Deutscher Designer-Himmel im Werratal

Selbst ein Mix aus Lena und Roger Whittaker kann das Idyll Wihlemsglücksbrunn mit seiner eigenen Käsemanufaktur, der weidenden Wasserbüffel- und Gallowayherde und dem Storchennest nichts anhaben.

Martin Rack, Gründer von »Design made in Germany«, sagte einmal deutsches Design ist grau. Den Himmel am heutigen Morgen hätte kein deutscher Designer besser gestalten können. Ich verstaue die Ausrüstung im Rucksack und wir folgen der Werra Richtung Creuzburg. Es dauert nicht lange, bis wir zu dritt wandern – der ungebetene Begleiter heißt Regen.

Wir passieren wunderschöne Auenwiesen, wo es nur so zwitschert und zirpt. Es scheint, als ob das Renaturierungsprogramm »Lebendige Werra«, dass im Jahr 2000 von BUND, NABU und Deutscher Umwelthilfe gestartet wurde, Früchte trägt. Der Kalibergbau im Norden des Werra-Reviers hatte die Salzbelastung so drastisch erhöht, dass die Werra als Brackwasser qualifiziert wurde. Man kann nur hoffen, dass wir Menschen in Zukunft diese wichtigen und zudem schönen Lebensräume frühzeitiger schützen.

Nach einigen Kilometern lockt uns ein Schild mit der Aufschrift »Aussichtspunkt« eine langgezogene Erhöhung hinauf. Wir blicken auf das verträumte Örtchen Frankenroda, um das sich idyllisch die Werra schlängelt. Wir steigen ab, lassen den Ort linker Hand liegen und verlassen die Werra erst einmal in Richtung Scherbda. Der gefühlte Mittelpunkt von Scherbda ist ein Zigarettenautomat, der aber scheinbar außer Betrieb ist.

Das erste Reise-Highlight von Aiko kurz vor Creuzburg. Eine Hundedame, die keine Zähne zeigt und ohne Leine unterwegs ist. Ich leine ihn ab und der ganze Kerl ist am wedeln. Die Beiden spielen zu sehen tut gut. Als ich der jungen Dame erzähle, dass ich seit drei Tagen nur kläffende Hunde hinter Toren gesehen habe, wird ihre Miene finsterer. Die Hunde verlassen hier selten ihren zu bewachenden Hof. Wenn es Ausgang gibt, dann lediglich an der Leine und jeder soziale Kontakt zu anderen Hunden wird im großen Bogen unterbunden. Ich kann zwar den grundlegenden Schutzgedanken der Menschen für Haus und Hof verstehen, aber scheinbar fehlt hier hinter einigen Toren der Schutz für das Tier. Unsere Wege trennen sich und wir laufen schnurstracks nach Wilhelmsglücksbrunn, wo wir ein Pilgerzimmer für die nächsten zwei Tage beziehen.

Meine schäbige Vorstellung eines Pilgerzimmers wird irritiert, als ich eine Chipkarte als Schlüssel erhalte. Das Zimmer ist klein, aber mit gutem Mobiliar ausgestattet und auch der restliche Hof scheint ein Glücksgriff zu sein. In der hofeigenen Käsemanufaktur kaufe ich mir ein Stück Creuzburger Blauer, ein cremig milder Blauschimmelkäse, Kräuterquark aus Schafsmilch und ein kleines Frankenhäuser Urbrot. Davor hatte ich beim Fleischer in der Stadt noch eine Thüringer Knackwurst gekauft, die diesmal aber nicht frisch geräuchert, sondern luftgetrocknet und somit hart ist. Ein herrlich rustikales Abendbrot mit warmem Tee, wobei besonders der Blauschimmelkäse einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Die Ruhe des Abends wird ein wenig von Winni und seiner Bagage gestört, die im angrenzenden Saal seinen 53. Geburtstag feiern. Vor allem der Vorzeige-Diskjockey sorgt mit seiner musikalischen Bandbreite von Lena bis Roger Whittaker für den ein oder anderen Biss ins Kopfkissen.

Am sonntägigen Ruhetage gibt es erstmals gutes Licht zum Fotografieren und die Langsamkeit unseres Foto-Spaziergangs scheint dem schnüffelnden Vierbeiner zu gefallen. Nach wunderbaren Erdbeer-Basier-Sahnekuchen am Nachmittag kehre ich nach einer kleinen Kulturrunde durch den Ort abends abermals in der alten Posthalterei ein. Voller Vorfreude bestelle ich beim einsilbigen Wirt die erste Thüringer Rostbratwurst auf meiner Reise. Es werden sicherlich bessere folgen.

  1. Hallo Jens,

    mir gefällt deine Reise ausgesprochen gut. Und auch die kleine, aber qualitativ hochwertige Auswahl an Fotos hinterlässt einen guten Eindruck bei mir!

    Ich frage mich, welche Kamera du für die Aufnahmen benutzt. Auf dem Profilfoto sieht es wenig nach einer FinePix X 100 aus.

    Viel Spaß noch beim Reisen!
    - Beste Grüße aus Berlin

  2. Hallo Jens,
    Paula und ich haben uns gerade in deinem Text wiedergefunden – was ein lustiger Zufall! Ich habe heute in einer Hundezeitschrift von deinem Buch gelesen und dachte, irgendwie kommt mir der Mann bekannt vor! Und nun lese ich hier von unserem Treffen, schön! Lieben Gruß von Paula an Aiko ;.)

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