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Der blinde Radfahrer

Auf dem Weg zum Werratal treffen wir viele hilfsbereite Menschen, doch nur wenige kennen noch einen Fußweg zu ihrem Nachbardorf.

Als der Hahn kräht, machen wir uns auf den Weg. Nach wenigen Metern erreichen wir den Kammerforst, der an den Norden des Hainich Nationalpark grenzt. Bevor wir in den nächsten Tagen durch dieses von der UNESCO ausgezeichnete Weltnaturerbe wandern, möchten wir erst noch ein Stück an der Werra entlang gehen. Außer zwei Forstfahrzeugen sehen wir an diesem grauen kühlen Morgen keinen Menschen. Wir genießen die Stille und beobachten etliche Rehe und Mäusebussarde bei der morgendlichen Nahrungssuche. Für mich gibt es Pflaumen und Äpfel vom Wegesrand. Mein schwarz-weißer Begleiter findet sie noch nicht süß genug.

Wir folgen dem Rennstieg, der von Eisenach nach Wernigerode führt, und mit einem blauen Andreaskreuz auf weißem Grund markiert ist. Am Ortseingang von Nazza werden wir wieder von bellenden Toren begrüßt. Ein Tor bellt nicht, obwohl sogar ein Foto von einem Hund angeschlagen ist. Der abgebildete Hund ist ein Husky und sieht Aiko verdammt ähnlich. Was im ersten Moment lustig erscheint, führt schnell zu einem mulmigen Gefühl. Aiko wurde damals mit acht Monaten seinen Besitzern wegen nicht artgerechter Haltung von Freunden weggenommen und in eine Auffangstation für nordische Hunde in der Nähe von Lüneburg gebracht. Sein Geburtsort soll in der Nähe von Eisenach liegen, das nur wenige Kilometer von hier entfernt ist. Leider ist weder der Husky noch die Besitzer zu Hause, um zu erfahren, ob hier eine Verwandte oder ein Verwandter von Aiko wohnt.

Ich spreche wieder viele Leute an, um mich nach dem Weg zu erkundigen und um ein paar Geschichten zu erfahren. Eine alte Dame entschuldigt sich mehrfach, dass sie noch nie die sechs Kilometer nach Falken zu Fuß gegangen wäre, aber sie hätte gehört, dass der Weg über den Fuchsberg zu empfehlen sei. Sie bietet mir noch einige Äpfel für den Weg an, entschuldigt sich erneut, dass es nur Fallobst ist, aber sie sei zu alt, um auf die Leiter zu steigen. Ich nehme sie dankend entgegen.

Es geht bergauf und bergab, vorbei an Kühen, Pferden, Ziegen und etlichen Feldern. Von einem Forstarbeiter erhalten wir den Tipp, dass man vom Kahnstieg einen schönen Blick auf das Örtchen Falken hätte. Der Mann hat Geschmack und wir verbringen unsere dreistündige Mittagsrast an diesem Fleck. Danach steigen wir ab nach Falken und decken uns im Supermarkt mit Wasser und Essen ein.

Am mit vielen Bäumen bepflanzten Anger, heutzutage als Dorfplatz bekannt, setze ich mich zu einer Gruppe Radfahrer und hole uns Leckereien vom Bäcker, wo u.a. ein Meisterbrief von 1938 ein Vorbote für Traditionshandwerk ist. Ich genieße ein Brötchen mit frischer Thüringer Knackwurst, die mir als eine Art geräuchertes Mett bzw. Gehacktes beschrieben wird und vorzüglich schmeckt. Aiko kaut genüsslich sein Brötchen ohne Belag. Die vierköpfige Radtruppe reist mit einem Tandem-Fahrrad und zwei herkömmlichen Fahrrädern, denn einer der Männer hat sein Augenlicht verloren. Sie erzählen von ihrer Tour und dem gemeinsamen Fahren im Tandem. Sie sind für mich ein Sinnbild alter Männerfreundschaft. Beim Teilen des köstlichen Mohnkuchens, bei dem der Mohn unter leckeren Vanille-Pudding gehoben wurde, hört die Freundschaft kurzzeitig auf und es wird nach brüderlichem Recht zuungunsten des hinteren Tandemfahrers geteilt. Sie verweisen auf die Verkäuferin beim Bäcker, die ungleich geschnitten hat, er nimmt es mit Humor und alle lachen gemeinsam.

Wir wünschen uns gegenseitig eine schöne Tour. Aiko und ich überqueren die Werra und folgen dem Naturwanderpfad, der im Norden im Heilbad Heiligenstadt beginnt und bis Creuzburg führt. Nach gut zwei Kilometern finden wir einen geeigneten Zeltplatz und schlagen unser Nachtlager auf.

  1. Jens, als für dich völlig Unbekannter bin ich auf dein Wandertagebuch gestoßen und bin von deiner heimatverbundenen Mission begeistert!
    Ach was, ich finds grandios, endgeil und vor allem nachahmungspflichtig.

    Ich wünsch dir auf all’ deinen Wegen immer gute Schuhe, ein endloses Repertoire an Heimat- und Wanderliedern und vor allem gute Laune mit deinem Hund (auf dessen Tagebuch ich mich freue!) & den Weggesellen.

    Genieß die Zeit – und mach auch mal was anderes als Fotos und Tagebuchschreiben ;-)

    D`Ehre derweil,
    der Micha

  2. hallo dem wandernden querfeldein-duo.
    ich habe von euch über facebook erfahren; bin begeistert von der idee und der internetmäßigen umsetzung: ein tagebuch, das selbst in zypern (von mir) gelesen wird. beeindruckend auch die statistik samt schrittzähler: hightech, die absolut begeistert.

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