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Schmusebärchen auf dem Baumkronenpfad

Auf den Weg in den Hainich Nationalpark treffen wir die Autoren von »Übersehene Sehenswürdigkeiten. Deutsche Orte«.

Der Hahn ist pünktlicher als der Wecker von Steve Jobs und voller Vorfreude machen wir uns auf den Weg in den Hainich. An der Jugendherberge am Harsberg macht eine markante Männerstimme seine zwei Kinder auf Aiko aufmerksam. Die Stimme des Mannes dreht einige Runden in meinem Ohr. Als sich unsere Wege kreuzen macht es endlich Klick und ich frage zaghaft, ob er Reto wäre. Die Antwort kann ich mir selbst geben, denn ich erkenne das tätowierte Herz unter seinem rechten Auge. Reto ist ein angesehener Professor für »Physical Interaction Design« an der FH Potsdam. 2009 trafen wir uns im Rahmen eines Interviews für die WEAVE in seinem Büro in Berlin. Seitdem verfolgte ich vor allem seine Geschicke um das Projekt Fritzing, was ich selbst im Rahmen meines Lehrauftrages in Hildesheim schon eingesetzt hatte. Ich erzähle ihm und seiner Frau von meinem Vorhaben und schildere ihnen grob meine Tour. Seine Frau, Michaela Vieser, ist Schriftstellerin und gemeinsam haben sie vor Jahren eine Bulli-Tour zu den vergessenen Sehenswürdigkeiten in Deutschland gemacht. Das entstandene Buch wandert geradewegs auf meine Bücherliste und wird noch auf dieser Tour gelesen.

Mit jedem Schritt tiefer in den Hainich steigt meine Begeisterung. Seit meinem Projekt »Lebensraum Eilenriede« habe ich ein Faible für Buchen und der Nationalpark schützt auf 7.500ha den typischen Mittelgebirgsbuchenwald auf Kalkgestein. Die Spuren der militärischen Nutzung sind zwar an einigen Stellen noch zu sehen, aber seit 1997 findet keine Nutzung des Waldes mehr statt und der Wald wird wieder Natur.

Am frühen Nachmittag erreichen wir das fein rausgeputzte Weberstedt am westlichen Rand des Hainich. Die Tourismus-Beauftragte schnellt aus dem Gemeindehaus und möchte gerne ein Foto von uns machen. Ich willige natürlich ein, aber von mir wird man maximal alles abwärts der Knie sehen. Als wir später das Gemeindehaus zwecks Wanderkarte besuchen, sitzt die Dame tieftraurig auf ihrem Stuhl, weil sie vorhin in der Aufregung nicht gemerkt hat, dass kein Film in der Kamera war. Ich sage ihr unsere vermutliche Aufbruchzeit für morgen und erwarte in Gedanken eine amtliche Blitzanlage.

Unsere heutige Unterkunft ist das Schloss Goldacker, dass eine tausendjährige Geschichte auf dem Buckel hat. Die Kellnerin erzählt mir, dass die Besitzer Goldacker zu DDR-Zeiten enteignet wurden und sie dann in den Räumlichkeiten ihre Schulbank drückte, bevor es später eine Druckerei wurde. Heute ist es ein liebevoll restauriertes Anwesen mit angeschlossenem Heimatmuseum und Natur- und Umweltzentrum. Im Biergarten genießen wir bei herrlichem Wetter ein Thüringer Rostbrätel. Der junge gutaussehende Koch erklärt mir, dass dafür Schweinenacken am besten für einen Tag in Kräuter eingelegt wird, bevor es scharf angebraten wird und mit geschmorten Zwiebeln bedeckt serviert wird. Der passende Begleiter für diese regionale Spezialität ist ein Köstritzer Schwarzbier.

Am zweiten Tag im Zentralgebiet des Hainichs erhalten wir auf dem Baumkronenpfad, nahe der Thiemsburg, einen gigantischen Einblick in die Flora und Fauna des Waldes und in die Abgründe deutscher Touristen. Man echauffiert sich über die Eintrittspreise, nutzt schnaufend den Fahrstuhl anstelle der schier endlos erscheinenden Treppen auf den 40 Meter hohen Turm und rennt im Eiltempo durch die lehrreichen Erlebniswelten. Bevor die nächste Busladung ankommt, genießen wir die erste ausgezeichnete Thüringer Rostbratwurst und verlassen den Ort Richtung Craulaer Kreuz.

Passend zum Namen des Hotels »Zum Herrenhaus« in Hütscheroda gesellt sich am Abend ein großgewachsener weißbärtiger Herr zu uns an den Tisch. Ich staune nicht schlecht, als er seinen Laptop aufklappt und sich ein besseres WLAN an diesem Ort wünscht. Er stellt sich als Troubleshooter für PC-Probleme in seinem Umfeld vor und wir kommen ins Gespräch. Nach wenigen Minuten bietet mir der 72jährige Wolfgang das Du an und er erzählt mir einen Schwank von seinen Reisen in Deutschland und der Welt. Ich notiere mir voller Vorfreude einige Tipps für meine weitere Reise und genieße die weiteren Stunden mit dem pensionierten Gymnasium-Lehrer aus Berlin.

  1. Hach wie schön,

    ich komme gebürtig aus Thüringen und es tut richtig gut deine Berichte zu sehen und zu lesen.
    So eine Landschaft gibt es hier in Köln und Umgebung, wo ich jetzt arbeite und wohne, weit und breit nicht :-)

    Super projekt. Freue mich auf mehr Fotos

  2. Jens, ich bin begeistert und neidisch – von bzw. auf das großartige Projekt, die tollen Fotos, all die visuellen und kulinarischen Eindrücke und vor allem auf den Mut und die Muße, diese Idee auch zu verwirklichen.
    Ich freue mich auf die 93 kommenden Tage!

  3. Eine sehr schöne Seite. Nicht nur grafisch sondern auch inhaltlich. Die Bilder sind super. Da würde man gerne die Reise selbst mitmachen.
    Weiterhin viel Spaß, ich werde ab jetzt des öfteren mal hier vorbeischauen :)

    Einen kleinen Artikel dazu habe ich auch auf meinem Blog veröffentlicht.

    Viele Grüße
    Sven

  4. WOW!!!!

    Mehr fällt mir fast nicht ein.
    Wundervolle Bilder, Texte und ein bezaubernder Hund (bin ein wenig verliebt) ;-)
    Ich wünsche euch noch viel Spaß und werde euch ab jetzt jeden Tag “verfolgen”

    Viel Glück (und vielleicht doch noch einen Sommer)
    Jana :-)

  5. Hey Jens,

    grad von deiner Reise hier erfahren und bin begeistert! Deine naturverbundenen Projekte find ich spitze und folge dir hier voller Neid von zu Hause aus! Weiter so!
    Ich und ein Kumpel haben etwas Ähnliches vor, aber verbunden mit Landschaftsmalereien und eher in Asien… hoffe das wird was, denn du machst mir schon sehr viel Lust auf sowas.

    Viel Spass und schönes Wetter wünsch ich euch!
    Jakob

  6. Hallo Jens,

    habe heute über facebook Leica diese Seite entdeckt. Als Erfurter, der seit sieben Jahren in Thailand lebt, freue ich mich sehr, diese unglaublich starken Fotos aus Thüringen zu sehen. Ich überlege gerade ähnliches hier in Thailand im nächsten Jahr zu machen. Leider kann ich mir keine Leica leisten :o( Aber es kommt ja auch weniger auf die Kamera als den Kerl dahinter an. Der Kerl hinter Deiner Leica hat jedenfalls ein gutes Auge für die Schönheiten des Moments.

    Ich werde Euer Projekt weiter verfolgen.

    Liebe Grüße aus dem sonnigen Koh Samui

    Dominic

    • Hallo Dominic,

      vielen Dank für dein Lob. Zum Thema Kamera wählst Du genau die richtige Antwort. Sicherlich ist eine gute Kamera eine gute Ausgangsbasis, aber es kommt mehr auf das Auge und den richtigen Umgang mit der Technik an. Ich wünsche Dir viel Erfolg für dein Projekt und freue mich, dass Du aus Thailand mein Projekt verfolgst.

      Liebe Grüße
      Jens

  7. Während ich gerade im Urlaub in Ihrer (und meiner ehemaligen) Heimat (nahe Hannover) verweile, erkunden Sie meine neue Wahlheimat Eisenach. Sie haben sich definitiv ein schönes Fleckchen für Ihren Start ausgesucht. Ich kann es kaum erwarten, ab Samstag wieder Thüringer Boden unter den Füßen zu haben.
    Ich behalte Sie im Auge :-)
    Clairette

  8. Wunderbares Projekt, Jens & Aiko, großartig umgesetzt. Ich freue mich darauf Euch während der nächsten drei Monate online zu begleiten! Und falls Euch Eure Reise ins osthessische Haunetal führt, so würden eine Golden Retriever-Hündin namens Moana und ein Leica-Kollege Euch gerne willkommen heißen!

    • Hallo Holger,

      vielen Dank für den herzlichen Kommentar. Ich habe mir das Haunetal einmal notiert. Das könnte am Ende der Rhön sogar gut passen. Aiko und Moana hätten sicherlich Spaß und ein Plausch über Leica ist immer etwas Feines.

      Beste Grüße
      Jens

  9. Vielen Dank für die freundliche Erwähnung unserer Begegnung! Wir haben uns auch sehr gefreut, Aiko und Dich zu treffen! Und selbstverständlich sind wir gleich Deiner Buchempfehlung gefolgt: nun streiten sich Michaela und ich darum, wer den “Natürlichen Kompass” lesen darf…

    Dir noch eine wunderbare Zeit – und bitte halte uns weiterhin so unterhaltsam auf dem Laufenden. Tolle Bilder!
    Gruss, Reto

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