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Zwei Sachsen und das Guinness-Buch der Rekorde

Von Heiligenstadt aus erkunden wir die lieblichen Täler und die schroffen Felslandschaften der Fränkischen Schweiz.

Um uns eine monotone Bundesstraße wie in Eisenach zu ersparen, fahren wir mit dem Bus ein Stück raus aufs Land und beginnen in Heiligenstadt bei leicht bedecktem Himmel und kühlem Wind unsere Wanderung. Gleich der erste Anstieg vermittelt mir, dass man nur von Tälern sprechen kann, wenn es auch die passenden Höhenmeter dazugibt. Ich schnaufe wie eine Dampflok und auch Aiko schmeißt seinen Ventilator in Form seiner Zunge an. Schöne verwunschene Waldpfade wechseln sich mit Schotterwegen der Forstwirtschaft ab. Wir treffen einige Wanderer, wovon zwei auf der Suche nach Pfifferlingen sind. Ich selbst habe noch keine am Wegesrand gesehen, aber dafür auf einigen saisonalen Speisekarten. Die nächsten Kilometer sinniere ich dadrüber, womit ich denn in den nächsten Tagen am liebsten diese kleinen gelben trichterförmigen Pilze essen möchte.

Der Magen knurrt nun hörbar und die »Alte Posthalterei« in Aufseß kommt wie gerufen. Ich genehmige mir ein Bio Käse-Vesper und ein Radler. Als die drei großen Scheiben Brot verputzt sind und der üppige Käseteller noch nicht geleert ist, erhalte ich vom sympathischen Wirt eine weitere Scheibe des leckeren fränkischen Bauernbrotes. Es ist inzwischen die dritte oder vierte Posthalterei auf unserem Weg durch Deutschland und ich bleibe einem Grundsatz meiner Reise treu. Bevor ich stupide das Mobiltelefon zücke und bei Wikipedia den Sinn und Zweck einer Posthalterei recherchiere, frage ich den liebenswerten Wirt. Sie dienten als Wechselstation für die Pferde oder die gesamte Postkutsche. Gleichzeitig gab es oft noch einen angeschlossenen Gasthof für das leibliche Wohl der Reisenden. Diese Posthalterei gehörte früher zur Burganlage Unteraufseß, steht heute unter Denkmalschutz und wurde mit viel Liebe restauriert. Nach einer Stunde trifft eine Gruppe Kinder mit drei Torten und drei Müttern ein, um einen Geburtstag zu feiern. Neben der Gaststätte wird in der »Alten Posthalterei« nämlich auch traditionelles Handwerk in Form von Pflanzenfärben, Papierschöpfen und Filzen ausgeführt und ausgestellt, was scheinbar an dem Talent der Frau liegt, die auch Kurse dafür anbietet. Bevor die Kinder mit ihrer Bastelstunde beginnen, verlasse ich einen Ort, wo zwei Menschen mit viel Leidenschaft Handwerk und Pädagogik verbinden und an ihrem Traum arbeiten.

Eigentlich wollte ich nach einem eher enttäuschenden Besuch einer ansässigen Brauerei nur noch ein wenig im Bett lesen. Die fränkische Gastfreundlichkeit bringt mich aber an einen langen Tisch. Die Gastgeber der Pension und ihre treuen Stammgäste reichen mir in geselliger Runde leckeres Grillgut und fränkisches Bier. Der nimmermüde bettelnde Berner Sennenhund der Vermieter flösst Aiko Respekt ein. Ich befestigte Aiko abseits am Zaun und er beobachtet die folgenden Stunden die Wege der Katze.

Am nächsten Morgen sitze ich mit zwei Jungs aus Sachsen am Frühstückstisch. Ich frage sie nach ihren Beweggründen für die Fränkische Schweiz und ihre Augen beginnen zu funkeln. Mit der puren Vorfreude und Leidenschaft erzählen sie mir, dass sie heute alle vier Brauereien in der Gemeinde Aufseß besuchen wollen. Auf 375 Einwohner kommt eine Brauerei und seit Ende 2000 steht die Gemeinde damit sogar im Guinness-Buch der Rekorde. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass sie den 14 km langen Rundweg schaffen und am Ende die Urkunde als Ehrenbiertrinker erhalten, und sie wünschen mir eine schöne Zeit auf dem Weg nach Waischenfeld.

Hauptsächlich folgen wir dem Fränkischen Gebirgsweg, der abseits der Straßen verläuft und lediglich kleinere Dörfer passiert. Wir kommen zwei-, dreimal vom Weg ab, aber da uns nichts treibt gehen wir gerne ein paar Schritte mehr und genießen die Stille der Natur. Ab der Burg in Waischenfeld folgen wir dem malerischen Flusslauf der Wiesent bis zur Pulvermühle. Äußerlich versprüht das Haus wenig Charme, aber es steckt voller Geschichten. Neben einigen Größen der Schachszene traf sich 1967 auch die Gruppe 47 an diesem Ort. Zu diesem deutschsprachigen Schriftstellertreffen lud Hans Werner Richter ein und Größen wie Günter Grass, Erich Kästner und Marcel Reich-Ranicki folgten der Einladung.

Als ich mich am Abend nicht zwischen Zwiebel- und Krensuppe entscheiden kann, überlasse ich der Kellnerin die Entscheidung. Sie sträubt sich zwar erst, bringt mir dann aber das Krensüppchen, wofür ich sie anschließend knutschen könnte. Diese einfache Suppe aus Brühe, Sauerrahm, Schlagsahne, Salz, Pfeffer und frischem Meerrettich, der im fränkischen und bayrischen Sprachraum in der Regel Kren heißt, gehört bis dato zu den kulinarischen Höhepunkten der Tour. Die cremige Konsistenz gepaart mit der herrlich frischen Schärfe des Meerrettichs lassen mich den Ärger über das rustikale Kinderbett vergessen.

  1. Sehr schön! Liest sich gleich noch netter, wenn man das beschriebene Eck von Deutschland kennt. Im Bairischen versteht man Kren übrigens, ich glaube es kommt aber eher aus dem Österreichischen (was ja auch wieder ein bairischer Dialekt ist, aber erzählt das mal keinem Bayern ;-)
    Viel Spaß weiterhin!
    Andreas

    • Hej Andreas,

      schön von Dir zu hören und vielen Dank für deinen Hinweis. Diese regionalen Unterschiede sind total spannend, aber auch nicht immer leicht zu recherchieren. Die Feinheiten in Bayern werden meine nächsten Beiträge auch prägen. ;)

      Besten Dank und liebe Grüße
      Jens

  2. Hallo Jens,
    durch die sehr gelungene Gestaltung bin ich auf deine Seite aufmerksam geworden, durch die unterhaltsamen Artikel samt der tollen Fotos wurde ich mittlerweile zum täglichen Besucher.
    Wie es der Zufall so will, steuerst du nun seit drei Tagen quasi auf direktem Weg quer durch die Fränkische auf meine Haustür zu. Solltest du deinen Kurs beibehalten und in den kommenden Tagen tatsächlich an Pottenstein vorbeikommen, melde dich doch vorab mal bei mir. Es würde mich sehr freuen, wenn wir uns bei dieser Gelegenheit die Hand bzw. Pfote schütteln könnten!
    Gruß
    Ben

    • Hej Ben,

      so ein Mist! Durch das Schreiben, das Sortieren der Bilder und dem erforderlichen Internetzugang veröffentliche ich die Beiträge ja immer ein wenig zeitversetzt. Ich war am Samstag bei herrlichem Wetter im wunderschönen Pottenstein. Wir waren u.a. beim Felsenbad und am Abend beim Biergartenfest. ;)

      Schade! Über so ein Treffen hätte ich mir sehr gefreut!

      Lieben Dank für dein Lob und ich hoffe Du wirst noch viel Freude beim Lesen und mit den Fotos haben!

      Beste Grüße
      Jens

  3. Verstehe, das ist natürlich schade. Aber damit hast du mir immerhin direkt die erste Frage beantwortet, die ich dir bei einem Treffen wohl gestellt hätte: wie kriegst du das bitte hin, den ganze Tag zu Fuß unterwegs zu sein und dann abends noch Fotos zu sichten, aufzubereiten, einzustellen und einen Bericht dazu zu schreiben…?! Aber gut, das wäre ja nun geklärt… ;)
    Dann wünsche ich dir an dieser Stelle schon mal eine weiterhin gute Reise und freue mich auf die Artikel, die hier noch kommen mögen!
    Gruß
    Ben

    • Hej Ben,

      in der Regel gehe ich zwischen 4-6 Stunden. Somit bleibt neben dem Lesen viel Zeit für das Schreiben und Fotografieren. Aber ich habe gemerkt, dass es sinnvoller ist, wenn ich mit etwas Abstand den Tag beschreibe und die Fotos aussuche.

      Weiterhin viel Spaß mit den Texten und Bildern.

      Beste Grüße
      Jens

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