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Wir sind Zugspitze

Ein besonderer Tag an einem besonderen Ort, wo das Leben einen Cocktail aus Anstrengung, Glücklichkeit und Respektlosigkeit für uns bereithält.

Es ist ein anderes Aufwachen als die letzten Wochen. Schlagartig bin ich wach und zig Gedanken und Gefühle toben in mir. Eigentlich habe ich mir die letzten Tage immer gesagt, dass es ein Tag wie jeder andere ist, aber in diesem Augenblick gelingt es mir nicht. Die Vorfreude auf den Aufstieg, die Lust auf die Anstrengung, aber auch eine gewisse Anspannung wegen der unbekannten Schwierigkeit und wie weit wir mit Aiko wirklich kommen sind in mir. Bevor wir frühstücken, sind die Rucksäcke samt perfekt zusammengelegten Seidenpyjama gepackt. Die langweiligen Brote finden ihren Weg in den Magen und so brechen wir kurz nach sieben Uhr auf. Beflügelt von den traumhaften äußeren Bedingungen beginnen wir mit einigen anderen Wanderern den Aufstieg. Unser Tempo ist schnell und ich bin mir nicht sicher, ob es die Euphorie oder die bessere Kondition ist. Aber Fabian kann gut Schritt halten und um so länger können wir uns danach an der Knorrhütte von den ersten 700 Höhenmetern erholen.

Die Natur schafft es aber immer wieder und verlangsamt meinen Schritt. Der Blick geht zurück ins Reintal. Die Sonne erfüllt das noch schlafende Tal mit einer wohligen Wärme. Ein eigentlich alltäglicher Ablauf, der für uns aber wie ein großes Schauspiel wirkt. Ein Gefühl der inneren Zufriedenheit, kreiert aus der Anstrengung und der Schönheit der Landschaft, verbindet uns wortlos an diesem Morgen. Aber eine Frage brennt Fabian dann doch unter den Nägeln. Als Antwort, ob ich es auch anstrengend finde, reicht aber ein Blick auf meine Thermoregulation und mein T-Shirt. Nach und nach werden aus den Bäumen Büsche, aus den Büschen werden Sträucher und am Ende sind es kleine grüne Flecken in einer Landschaft aus Stein. Nach knapp neunzig Minuten erreichen wir bereits die Knorrhütte, auf deren Terrasse sich die letzten Übernachtungsgäste für den Weg zur Zugspitze fertigmachen. Wir schnallen die Rucksäcke ab und nehmen für ein zweites Frühstück Platz. Ein liebevoll arrangierter Teller mit einem Schinkenbrot, ein paar knackigen Landjägern und ein brausehaltiges Getränk erfreuen und stärken uns für die noch bevorstehenden 900 Höhenmeter.

Aiko hingegen hält nichts von einer Pause und tobt mit einem der zwei Hüttenhunde auf über 2000 Meter um die Wette. Eine halbe Stunde später trifft auch die zwölfköpfige kanadische Wandertruppe von gestern wieder ein. Herzlich begrüßen sie Charming-Boy Fabian und auch mir werden einige der Gruppe vorgestellt. Wir bewundern die Damen, deren Altersspanne von Anfang fünfzig bis Anfang siebzig reicht. Seit Jahren erkunden die schneeverliebten Kanadier gemeinsam die Welt und die sportliche Betätigung hat stets einen hohen Stellenwert auf ihren Reisen. Köstlich schmunzeln muss ich, als eine der herzlichen Damen Fabian unterbreitet, dass er ihr Traum-Schwiegersohn wäre, wenn sie eine 28jährige Tochter hätte. Fabian weiß bereits in diesem Moment, dass dieser Augenblick später hier zu lesen sein wird.

Die wichtigsten Sachen aus dem Rucksack von Fabian wandern in meinen und die unwichtigen aus meinen in seinen Rucksack, den wir in der Hütte zurücklassen. Aiko, der immer noch am Toben ist, glaubt es kaum, als es weitergehen soll. Sein Blick geht immer wieder zurück und seine kleine neue Freundin muss ebenfalls zurückgepfiffen werden, damit wir uns nicht mit zwei Hunden auf den Weg zur Zugspitze machen. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Der satte blaue Himmel erlaubt es uns, dass wir Mitte September noch in kurzer Hose und T-Shirt in der Höhenlage unterwegs sein können. Immer höher geht es für uns und immer tiefer tauchen wir in eine Mondlandschaft aus kleinen Kieselsteinen und großen Felsen ein. Ich mag die lebensfeindliche karge Landschaft und jeder Meter Anstieg wird mit hunderten Metern Fernblick belohnt. Grotesk ist aber, dass mit jedem Höhenmeter der Einfluss der Menschen immer deutlicher wird. Wir sehen etliche Liftanlagen und Skistraßen, die sich wie Narben durch die Bergwelt ziehen. Die letzten Quadratmeter an Gletscher werden von Schneeraupen von A nach B geschoben. Und das Entsetzen kennt keine Grenze, als wir an der SonnAlpin sehen, dass man sich zum kompletten Ruinieren des Gletschers heute noch Schlitten ausleihen kann. Es ist nicht der erste Ort in den Bergen, wo ich den Eindruck erhalte, dass Naturschutz ein Opfer der Spaßgesellschaft geworden ist und die Natur an sich nicht mehr ausreicht. Immer mehr Attraktionen werden auf den Berg geschleppt, um die Spaßgesellschaft zu unterhalten.

Ab der Liftstation ändert sich einiges. Der Weg wird deutlich steiler und der Untergrund ist nun ein Meer aus Kies. Kein Grund für einige Liftgäste sich einfach einmal mit leichtem Schuhwerk am Berg zu versuchen. Ich bin froh, dass Fabian mir meine Bergstiefel mitgebracht hat, obwohl ich gestern das zusätzliche Gewicht gegenüber meinen Trail-Running-Schuhen bei jedem Schritt merkte. Die Anstrengung steigt, die Frequenz der Fotos sinkt und der Schweiß spielt sein altes Spiel und sucht sich seinen Weg bergab. Nach gut weiteren 200 Höhenmetern verabschiedet sich der Kies und wird wieder Fels. Wir schnaufen einmal kräftig durch und blicken zum Plateau der Zugspitze. Es ist nicht mehr weit, aber der letzte Abschnitt wird uns noch einmal einiges abverlangen. Immer steiler werden die Abhänge, immer schwieriger die Schritte und wir sind froh, dass der Weg komplett mit Stahlseilen gesichert ist. Aiko geht wie so oft voraus und meistert den Weg mit einer Leichtigkeit, die fast an Arroganz grenzt. Aber auf einmal bleiben alle vier Pfoten stehen und er zeigt an, dass er für sich keinen Weg mehr erkennen kann. Ist dass das Ende unserer Zugspitztour? Diese erste Frage verfliegt, als ich ein zweites Mal zu meinem Aiko blicke. Ich bin so Stolz auf unsere Teamarbeit, die sich seit unserer ersten Tour vor vier Jahren in Norwegen unglaublich gut entwickelt hat. Damals war er ein knappes Jahr alt und oft unaufmerksam, ungestüm, wollte stets der Erste sein und setze gerne einmal zu einem Sprung an, wo er den vermeintlichen Zielbereich nicht einsehen konnte. Heute besteht viel mehr Blickkontakt zwischen uns und die Kommandos Stop und Weiter sind in Fleisch und Blut über gegangen. Außerdem zeigt Aiko inzwischen an, wenn es einige schwierige Stelle gibt und wartet auf mein Handeln. Nach einer kurzen Beratung mit Fabian klettere ich ein Stück voraus, während er mit Aiko wartet. Danach hebe ich Aiko über sein Geschirr zu mir. Er macht es großartig und freut sich, dass er wieder bei mir ist und es weiter bergauf geht. Wenige Höhenmeter später wiederholen wir diese Taktik und das Ziel ist zum Greifen nah. Kurz unterhalb des Plateaus machen wir erneut Halt und genießen die Stille und den Ausblick. Bei dem Fernblick sind wir uns beide sicher, dass wir heute bei traumhaften Bedingungen den höchsten Punkt von Deutschland erreichen werden.

Auch wenn wir nicht die Einzigen auf dem Weg zum Gipfel sind, habe ich auf den letzten Metern das Gefühl, das es gerade nur Fabian, Aiko und mich gibt. Ich genieße dieses Gefühl in vollen Zügen. Wir passieren das Schild zur österreichischen Staatsgrenze und setzen wenige Schritte später den ersten Fuß auf die Plattform der Zugspitze. Die Stille, die Ruhe, die Welt der Berge wird von einem Stand mit Kuhglocken, dem höchsten Biergarten und der höchsten Rostbratwurst zerstört. Ich verdränge erst einmal diese Eindrücke und schlage vor, dass wir über den “Otto Hellmann Weg” die letzten Meter zum goldenen Gipfelkreuz in Angriff nehmen. Der Weg führt über eine Leiter und Seilsicherungen auf den Gipfel. Man erhält den Eindruck, dass sich auf diesem Wege die gesamte deutsche Bevölkerung befindet, wo Bergwanderer und Kletterer bekanntlich die Minderheit sind. Wenn ich mir überlege, welche Gedanken ich mir vor dieser Tour gemacht habe und dann sehe, mit welcher Fahrlässigkeit und Naivität einige hier mit ein paar Weizen und Schühchen den Gipfel erklimmen, hinterfragt man schon das Verhältnis von Mensch und Natur. Aufgrund der Leiter und Überbevölkerung warten wir abwechselnd mit Aiko auf dem Plateau und genießen den Ausblick auf den Eibsee.

Danach mischen wir uns unter die konsumierende Meute und bestellen uns Topfen- und Apfelstrudel und wählen auch einen Obatzter, der eigentlich für ein halbes Leib Brot reicht. Die bizarre Welt erhält ihren Höhenpunkt, als ich beobachte, wie ein Mann mit Klettergurt und Helm sichtlich erschöpft von einem anstrengend Aufstieg an einem bereits zum Teil besetzten Tisch die Frage stellt, ob noch ein Platz frei wäre. Die Gruppe mustert den Fremden, als ob er hier nicht erwünscht ist. Widerwillig erlauben sie ihm am Rande Platz zu nehmen. Am liebsten wäre ich in diesem Moment aufgestanden und hätte den nötigen Respekt für die außerordentliche Leistung bei den Seilbahn-Wanderern eingefordert. Sind diese wenigen Quadratmeter ein Abbild unseres sozialen Zusammenlebens? Auf dem Weg zur Toilette trifft mich der nächste Schlag und ich will eigentlich nicht mehr an diesem Ort sein. Die Zugspitze zeigt auf beschämende Weise, wie weit der Tourismus die Natur im Griff hat. Neben reichlich Verkaufsständen für *Trandel* gibt es hier oben ein Panorama-Restaurant, dass durch sein in weiss gehaltenes Interior und den hohen Anteil an japanischen Gästen selbst in Berlin auffallen würde. Welche Respektlosigkeit und Geldgier siegte hier vor der Verantwortung gegenüber der Natur? Ich liebte den Aufstieg, die Anstrengung, den Ausblick, aber das nächste Mal schenke ich mir die letzten Meter und genieße wenige Meter unterhalb des Plateaus die Illusion einer scheinbar heilen Welt.

Als wir den Abstieg besprechen, kommt die Besonnenheit von Fabian zum Tragen, aufgrund der ich ihn schon vor der Tour als den perfekten Partner gesehen habe. Er hat Respekt vor dem Abstieg über den kiesigen Untergrund, und da wir niemandem etwas beweisen müssen, siegt die Vernunft und wir überbrücken, wie auch die Kanadier, die ersten 400 Höhenmeter bis zur SonnAlpin mit der Seilbahn. Der folgende Abstieg zur Knorrhütte wird dominiert vom Fotografieren, dem Blick in die Ferne und einem berauschenden Gefühl über eine großartige Tour mit einem wertvollen Freund. Mit Freude erreichen wir die Hütte und das Team um die seit diesem Jahr neuen Pächter Judith Hindelang und Thomas Knestel begrüßt uns herzlich. Dass sie sich wirklich um das Wohl ihrer Gäste kümmern, zeigt sich als sie uns lieber mit einem anderen Paar und deren Hund in einem Vierbettzimmer unterbringen wollen als im oft üblichen Winterlager. Auch Futter bietet uns der Koch und Besitzer der Hunde an. Ich bevorzuge aber das Winterlager, weil Aiko da alleine vermutlich mehr Ruhe und Erholung findet. Sie meinen, dass sie es vorhin ein wenig hergerichtet haben, aber es ungern anbieten würde. Wir sollen es uns einfach einmal anschauen. Nüchtern betrachtet ist es ein klamm wirkender Raum von maximal sechs Quadratmetern mit zirka 80cm Meter dicken Wänden, ohne Fenster, ohne Strom, dafür mit ein paar Decken und zwei Kerzen. Würde man mir zu Hause ein Bild von diesem Raum zeigen, dann würde ich vermutlich auf ein Verließ oder ein Gefängnis in fernen Ländern tippen. Wir entscheiden uns dennoch für das Winterlager. Es ist für heute Nacht unser Heim und das fühlt sich unglaublich gut an. Wir gönnen uns eine Dusche, ein warmes Essen und unterhalten uns wieder mit den Kanadierinnen und einigen anderen Hüttengästen. Aiko hingegen schläft bereits unter dem Tisch, weil er sich vorhin die letzten Kraftreserven mit der Hundedame des Hauses aus dem Körper getobt hat.

Gegen 20 Uhr erleuchtet der Seidenpyjama von Fabian zum letzten Mal unsere Hütte mit Licht, bevor wir uns in die Decken kuscheln. Ich bin aber noch zu aufgewühlt, trete noch einmal vor die Hütte und bin fasziniert, welche Leuchtkraft der fast runde Mond hat, wenn er die einzige Lichtquelle ist. Die Stille in diesem Moment wirkt unendlich und nur die immer kälter werdenden Finger zwingen mich zurück in das Winterlager. Ein besonderer Tag an einem besonderen Ort geht zu Ende und ich hoffe, dass ich mir all diese Eindrücke und Erinnerungen lange bewahren kann.

  1. Um mit dem Ende zu beginnen: du wirst sicher ‘alles’ in Erinnerung behalten und da sind natürlich auch die touristischen Exzesse dabei. Leider ist das inzwischen überall so. Es scheint wohl keinen Ort mehr zu geben, wo der Tourismus nicht seltsame Blüten treibt und es an Respekt mangeln lässt.
    Aber all das sollte natürlich nicht im Vordergrund stehen, sondern ich wünsche dir, dass die anderen, die erhebenden und erhabenen Eindrücke die Oberhand gewinnen.
    Herzliche Grüße,
    Ingrid

  2. Hätte der Seidenpyjama nicht wieder einen Platz in Deinem Bericht gefunden….ich hätte etwas vermisst…und zum eigentlichen Thema: ja leider ist es so. Überall bauen die was obendrauf und wenn möglich eine Treppe oder noch besser einen Lift um dahin zu gelangen. Weil es ja bequem ist. Aber stell Dir mal vor, die anderen hätten auch alle das Bedürfnis “Natur zu erleben” die Abgeschiedenheit und diese wunderbaren abgelegenen Plätze zu genießen. Dann hätten wir da ja auch keine Ruhe mehr. Gott sei Dank gibt es diese Plätze noch. Da wo keine Treppen und kein Lift hingebaut werden können.

    Schön finde ich Deine Schilderung die beide Seiten beleuchtet. Die einen, die “Halli-Galli” wollen und die anderen die ganz andere Werte im Leben haben. Schöne Grüße auch an Aiko und den “Seidenpyjama-Träger”. Klasse Teamwork! Bis dann!

  3. Ich habe in den letzten tagen Deinen gesamten Reiseberichte nachgelesen. Tolle Berichte, tolle Bilder!!!
    Die Watzmann- und die Zugspitztour würden mich auch reizen, aber mit zwei kleinen Kindern funktioniert das nicht. Ob ich dann aber noch fit genug bin, wenn sie alt genung sind wird sich zeigen. Zumindest vom Osterfelderkopf auf die Alpspitze und wieder zürück nach Garmisch habe ich es schon geschafft. Ich freue mich auf die zukünftigen Berichte (die hoffentlich noch kommen ;-) )

  4. .. nun habe ich mir nocheinmal zeit genommen für deine reise und es ist so wunder wunder schön, gerade wenn es draußen dunkel ist, die stadtgeräusche tönen und man sich in die landschaft sehnt. danke dir für bild und wort – vielleicht bis bald einmal lg susanne

  5. Hallo!
    Ich bin leider jetzt erst auf deine Reise, deine tollen, einfühlsamen Berichte und die schönen Fotos gestoßen. Bis jetzt habe ich nur ein paar Stichproben machen können, ich bin aber von deinen Reisebeschreibungen begeistert. Ich bleibe jetzt dran und wenn es das Ganze einmal als Buch geben sollte, bin ich dabei!
    Herzliche Grüße,

    joos

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