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Überschreitung des Watzmanns trotz Waschlappen

Vom Watzmannhaus steigen wir ab bis zur Wimbachklamm. Dann folgen wir den Lauf der Wimbach und treffen auf den längsten Schuttstrom der Nordalpen.

Unser heutiger Wecker ist eine Bodenleiste unweit unseres Zimmers mit Doppelstockbett, die fast jeder Hüttengast zielsicher zum Knarren bringt. Ich bin froh, dass wir aufgrund der frühzeitigen Reservierung und Aiko im Zweitbettzimmer untergekommen sind und nicht im 8ter- oder 16ner-Schnarrtempel nächtigen müssen. Sicherlich würde es noch ein wenig mehr das Hüttengefühl verstärken, aber meine Vorstellungskraft reicht mir in diesem Punkt aus. Das frühe Erwachen hat den Vorteil, dass wir einen großartigen Sonnenaufgang genießen können. Im Osten staffeln sich intensive rote Schichten am Himmel und der Blick nach Ramsau und Umgebung im Norden zeigt ein wildes und bedrohliches Himmelsbild.

Als wir im Frühstücksraum sitzen, sind viele Bergwanderer schon gestartet. Sie haben das ehrgeizige Ziel der Watzmannüberschreitung über das Hocheck, die Mittelspitze und die Südspitze vor Augen, die bis zur Wimbachgrieshütte mit 10 Stunden auf den Schildern des Deutschen Alpenvereins ausgezeichnet und mit einem schwarzen Kreis für die höchste der drei Schwierigkeiten klassifiziert ist. Fehlende Erfahrung, die Schwierigkeit der Überschreitung und mein vierbeiniger Begleiter bringen uns mit einigen anderen Wanderern zur Alternativroute. Die weißesten Zähne an diesem Tag hat mein Begleiter Kai, denn die einzige Steckdose zum Aufladen seines iPhone gab es im Waschraum. Zügig geht es auf gleichem Wege zurück zur Stubenalm, wo wir erneut einkehren und uns eine Buttermilch gönnen. Die Freude des Pudels hält sich in Grenzen und auch Aiko ist der Platz heute nicht so geheuer, denn stattliche Pferde, vermutlich Haflinger, stehen vor der Hütte Spalier. Er versteckt sich unter dem Tisch und beobachtet schelmisch durch das ausgesägte Herz des Tischbeines die großen Vierbeiner.

Danach heißt es geduldig sein für Kai und Aiko, denn es geht durch die Wimbachklamm. Wenn man Wasserläufe und Wasserfälle liebt, dann ist eine Klamm wie Geburtstag und Weihnachten an einem Tag. Aus Gewichtsgründen reise ich aber ohne mein Stativ und auch das fehlende Tele-Objektiv erschweren die gewünschte Bildkomposition und einen epischen Aufenthalt in der Klamm. Wir folgen dem Lauf des Wimbach und suchen uns ein herrliches Plätzchen für ein Gruppenfoto, wovon Aiko reichlich wenig hält. Massive Felsformationen säumen sich am Rande des von Kies dominierten Weges. Aufziehende teils dunkle Wolken verstärken den Eindruck einer gewaltigen Bergwelt, wo man sich selbst auf einer Stufe mit den Kieselsteinen fühlt, als auf einer Ebene mit den majestätischen Gipfeln in dem einzigen deutschen Nationalpark in den Alpen. Anders als gestern ist der heutige Anstieg moderat, aber dafür spüren wir den Abstieg und die Länge der heutigen Etappe in den Beinen. Der Wege öffnet sich und vor uns liegt das Wimbachgriestal, wo der Boden seinen Namen alle Ehren macht. Man erhält eine leichte Vorstellung, welche Schneemassen im Frühjahr hier ins Tal donnern. Ein gewaltiges Szenario! Ein Gefühl wie beim Joggen am Strand verspüre ich auf dem letzten Abschnitt und wir sind froh, als wir am frühen Nachmittag die grüne Oase der traumhaft gelegenen Wimbachgrieshütte erreichen. Wie ich später am Telefon von meiner Mutter erfahre ein Ort mit großer Bedeutung, denn meine Eltern waren am Tag ihrer Silberhochzeit auch bei dieser Hütte.

Nach und nach treffen die ersten Bergsteiger der Watzmannüberschreitung ein, deren Gesichter noch mehr Freude und Erschöpfung zeigen als die unseren. Ich lausche einigen Schilderungen und ich würde lügen, wenn es mir nicht in den Füßen kribbelt, selbst einmal diese Route zu gehen. Für diese Reise gilt aber der Grundsatz, dass ich nur Wege gehen werde, die Aiko und ich ohne größere Gefahren passieren können. Außerdem würde ich davor gerne einen Kurs machen, um unter anderem die Grundlagen im Umgang mit Dreipunktgurt von einem erfahrenen Bergführer zu erlernen. Wir suchen uns ein sonniges Plätzchen unter den Laubbäumen und widmen uns der Literatur und dem Müßiggang, doch immer schweifen meine Gedanken ab zu Kinderschokolade Senior und Junior, die auch am frühen Abend noch auf sich warten lassen. Aus Witz wird Sorge, doch irgendwann treffen auch diese beiden Nasen ein. Rot unterlaufene Augen sind nur eins von vielen Zeichen der Erschöpfung. Meine Neugier lässt mich erneut als Mäuschen lauschen. Kinderschokolade Junior hat die Überheblichkeit seiner Stimme vermutlich an der Mittelspitze verloren. Leise und voller Demut spricht er seine Freude über die doch geglückte Überquerung aus. Zu meiner Überraschung haben sie in der bis auf den letzten Platz gefüllten Hütte keine Reservierung für die kommende Nacht und so gibt es für sie nach einer kleinen Stärkung noch eine mehrstündige Bonusetappe nach Ramsau.

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