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Vom Stillstand nach meiner Reise bis zum ersten Treffen im Verlag

Es war Mittwoch, der 9. November 2011 und ich stand mit Aiko an der Bushaltestelle Mitte in der Ortschaft Affoldern, Hessen. 100 Tage wanderten wir durch ursprüngliche Wälder, traditionsreiche Orte, schwammen in der Donau, erklommen die Zugspitze und ich erlebte alle Höhen und Tiefen regionaler Kochkunst. Eine Reise die am Ende mehr als die Summe ihrer Teile geworden war. Als ich in den Bus stieg tat ich dies mit Wehmut, denn bald würde der Alltag die Leichtigkeit der letzten hundert Tage vergessen machen. Doch ich hatte mein Tagebuch, das ich zu Hause zu Ende schreiben wollte. Ich brach das Schreiben, welches mir eine unglaubliche Freude bereitet, abrupt während der Reise ab. Ich hatte gemerkt, dass das Nachdenken und Worte finden über einen vergangenen Tag das Erlebte des aktuellen Tages verdrängte. Vielmehr freute ich mich darauf zu Hause mit Muße, einem warmen Tee und ein wenig Abstand noch einmal schreibend auf Reise zu gehen.

Es gelang mir nur im Ansatz. Immer wieder stöberte ich in meinen unzähligen Notizen, gesammelten Prospekten und tausenden Fotos. Ich schwelgte genüsslich in Erinnerungen, schrieb einzelne Passagen und träumte sogar davon, mir noch einmal zwei Wochen Urlaub zu nehmen, um mir dieses Schreiben zu gönnen oder sogar den Versuch zu wagen ein Exposé zu schreiben. Vor der Reise hatte ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet später ein Buch zu schreiben, doch es dauerte nicht lange bis Leser meines Blogs dieses Thema an mich herantrugen. Bei der kennengelernten Freude am Schreiben ein verlockender Gedanke, doch eine Recherche bezüglich möglicher Verlagshäuser war niederschmetternd. Es schien leichter als pickliger 14-jähriger mit Hornbrille und einem Mickey-Mouse Rucksack ins Berghain in Berlin oder ins P1 in München zu kommen, als das ein Verlag ein Exposé von mir lesen würde. Der Alltag tat sein übriges. Die Arbeit und die Hochschule nahmen mich wieder in Beschlag und der sehnlichst herbeigewünschte Umzug in den Süden von Deutschland verschob die Prioritäten. In den folgenden Monaten betrachtete ich die Webseite selten und stehts mit einem schlechten Gewissen. Sie sollte doch eigentlich mein Vehikel sein, um die Reise für mich zu dokumentierten, damit ich Jahre später noch etwas davon habe. Ab von diesen persönlichen Wünschen, fühlte ich mich auch immer mehr gegenüber den vielen Lesern des Blogs verpflichtet. Nie hätte ich gedacht, dass eine Reise durch mein Heimatland so viele Menschen interessiert, die mir so viele herzliche Worte und Tipps schenkten und nun Stand das Tagebuch seit Ewigkeiten bei Tag 43 still.

Nach dem geglückten Umzug mit meiner Freundin verbrachten wir jede arbeitsfreie Minute im ersten Frühling und im ersten Sommer in der grandiosen Natur vor unserer Haustür – den bayerischen Voralpen, die ich auch damals während meiner Reise durchwanderte. Ich wollte mir im Spätherbst eine letzte Chance geben, Urlaub nehmen und mein Tagebuch schreiben, doch eine E-Mail kam mir dazwischen.

Ich saß an meinem Schreibtisch und arbeitete an einem Projekt, als der Ton meines E-Mail-Programms eine neue Nachricht signalisierte. Die E-Mail begann mit »Lieber Herr Franke«. Grundsätzlich springe ich bei Ansprachen mit dem Nachnamen direkt an das Ende der Nachricht, um die Signatur zu prüfen. In neunzig Prozent aller Fälle sind es Headhunter, die mit standardisierten Mails »spannende neue Aufgaben« anpreisen. Das Wort »lieber« ist allerdings unüblich. Ich laß den Namen, den Jobtitel und die Anschrift. Hektisch scrollte ich wieder nach oben und laß die E-Mail. Mit jeder Zeile wurde mein Herzschlag schneller. Ein Grinsen überkam mich und ungläubig schüttelte ich immer wieder den Kopf.

Der Absender war ein Doktor mit Doppelnamen aus dem Münchner Malik Verlag. Mit »Freude« und »Gewinn« hätte er meinen Reiseblog über meine »große Wanderung durch Deutschland« gelesen und er ist begeistert von meinem Gedanken, die Reise in einem »Buch zu verdichten«. Den Gedanken hatte ich im FAQ einmal formuliert. Nach der ernüchternden Recherche hätte ich mich allerdings höchstens mit einem fertig geschrieben Tagebuch noch einmal an das Thema gewagt. Die E-Mail fühlte sich ein wenig unverdient an, doch meine Begeisterung war groß. Blicke ich in mein Bücherregal, dann ist die Dominanz der Bücher aus dem Verlag Malik, im speziellen aus der Reihe »National Geographic« nicht zu übersehen und dann fragte mich genau dieser Verlag, ob ich Lust auf ein Treffen »zu einem möglichen gemeinsamen Buchprojekt« hätte.

Das Treffen fand eine Woche später im Verlag mitten in Schwabing statt. Mit dabei auf vielfachen Wunsch war Aiko, der mit mir aufgeregt die ersten Schritte im Gebäude machte und den Gang abschnupperte in dem links und rechts große schwarzweiß Porträts bekannter Autoren hingen. Und was soll ich hier? Der Herr Doktor holte uns am Empfang ab und Aiko kannte zwar nicht das Ziel, wollte jedoch gerne der Erste im Treppenhaus und auf dem Weg ins Büro sein. Danach legte sich die Aufregung bei Aiko schnell. Hin und wieder kam eine Person ins Zimmer, beäugte ihn und er ließ sich kraulen. Ich hingegen lauschte gespannt den Worten des Doktors und der Programmleiterin von Malik. Dann war ich an der Reihe und ich versuchte sinnvolle Antworten auf die mit Bedacht und Ziel gewählten Fragen zu geben. Zwar tue ich mich bei Gesprächen mit Ansprache per Nachname oft nicht leicht, doch die Anspannung verflog schnell und beide waren mir direkt sympathisch. Als ich nach zwei Stunden kurz auf die Toilette ging, traute ich meinen Augen nicht als ich wieder das mit Büchern gefüllte Büro betrat. Vor mir stand Reinhold Messner. Er fragte mich, ob ich auch Autor wäre. Die Aufregung war wieder da und die Antwort voller Verlegenheit. Ich erzählte ihm ein wenig von der Reise, wir redeten kurz über Aiko und er berichtete von Malamute-Hunden, die er in Alaska gesehen hat. Aiko schenkte dem Herren mit den großen kräftigen Händen, dem vollen Haar und Bart eine geringe Beachtung. Er döste vor sich hin.

»Das war ja wie inszeniert«, sagte ich dem Doktor als Reinhold Messner das Büro wieder verlassen hatte. Wir lachten. Die folgenden zwei Stunden waren sehr inspirierend und mir wurde erklärt, wie der Ablauf des Auswahlprozesses möglicher Themen für Bücher im Verlag Malik ist. Wie jeder potentielle Autor müsste ich bei Interesse ein Exposé schreiben, wobei er mir jederzeit mit Rat zur Seite stehen würde. Ich bekam einige Bücher geschenkt und wurde gebeten mir einmal Gedanken zu machen, ob und wenn ja, wann ich ein Exposé schreiben könnte.

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