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Grillplatte Hubertus

Auf einer der anstrengendsten Etappen meiner Reise erwarten uns Regen, Nebel und der vielsagende Abschnitt mit dem Namen “Saugasse”.

Wenn man einer empfohlenen Hüttentour des DAVs folgt, dann wandert man selten allein und trifft regelmäßig auch die gleichen Gesichter wieder. Es kann zum Fluch werden, aber in unserem Fall ist es nach zwei Tagen ein Segen. Ein Mann und seine Freundin, er etwa Mitte fünfzig und sie einige Jahre jünger, sind ein Beispiel für die freundlichen Bekanntschaften in den Bergen. Ihre Verliebtheit, ihr Umgang miteinander und ihre Erzählungen sind einige Indizien, die noch für eine junge Partnerschaft sprechen. Ein weiteres Beispiel ist eine zirka achtköpfige Männertruppe. Sie sind fast alle durch die Bank groß gewachsen und deren Fitnesszustand ist ein Kehrschnitt durch die deutsche Gesellschaft. Kai vermutet eine gemeinsame Vergangenheit bei der Bundeswehr als Grund der Freundschaft und der gemeinsamen Tour. Wie bereits am Vorabend drehen sich die Gespräche immer wieder um die gegangenen Wege, die beste Route für die kommenden Etappen und natürlich das Wetter. Was ich in anderen Lebenssituationen vielleicht als belangloses Gespräch einstufen würde, verfolge und führe ich hier mit großem Interesse. Denn die empfohlene Route des DAVs führt am nächsten Tag wieder auf 2000 Meter Höhe über das Hundstodgatterl und in das Steinerne Meer. Der Name ist wenig einladend für eine Tour mit Hund und viele schildern den Weg als sehr steinig, scharfkantig und mit hohen Absätzen, wo sie vor allem für Aiko Probleme sehen. Dazu kommt, dass einige gestern aus der Höhe abgestiegen sind, weil ihnen der Wirt aufgrund der sinkenden Schneegrenze dazu geraten hat.

Kai überlässt mir die Entscheidung und ich wähle für uns die sichere, aber längere Variante. Kurz nach acht Uhr starten wir und kommen nur langsam voran. Es liegt nicht am Untergrund im Wimbachgriestal, sondern am wilden Schauspiel des Nebels, das uns oft mit großen Augen staunen lässt. Ich habe schon einige beeindruckende Täler in Norwegen, Schweden und Island gesehen, aber dieses Tal ist von unbeschreiblicher Schönheit. Die grauen, zackigen Felsen, die grünen Sträucher und Bäume, die auf den eigentlich lebensfeindlichen Boden scheinbar dennoch genug Halt und Nährstoffe finden und der tobende Nebel malen zu dritt ein Bild der Natur, dass wilder und rauer kaum sein könnte. Eine Landschaft nach meinem Geschmack. Der einsetzende Nieselregen verhindert leider ein ausgiebiges Fotografieren. Auf der einen Seite schade, auf der anderen Seite ein weiterer Grund in dieses Tal zurückzukehren. Der Anstieg hat es in sich und die Wolken werden immer bedrohlicher.

Bei knapp 1800 Metern erreichen wir den Sattel. Für viele geht es nun über das Hundstodgatterl zum Kärlingerhaus. Für uns geht es über die Siegeretplatte runter auf unter 1000 Meter, um dann später über die Saugasse wieder aufzusteigen. Der Weg wird schlagartig schmaler und einsamer. Ein herrlicher Abstieg, aber die Steine sind glatt und rutschig vom Regen und verlangen die volle Konzentration von uns. Aiko hingegen schenkt seine gesamte Konzentration den Steilhängen zu unserer Rechten. Es ist der Geruch von Gämsen, der ihn wuschig macht. Immer wieder überkommt ihn sein Jagdtrieb. Es ist unglaublich, wie viel Kraft seine Instinkte in ihm mobilisieren. Es wird zum Kampf und der Zeitpunkt könnte kaum unglücklicher sein. Kai hingegen zeigt großes Verständnis für die Gier von Aiko auf die Grillplatte Hubertus und amüsiert sich köstlich über ihn. Die Gämse sind scheinbar auch nicht auf meiner Seite und forcieren durch ihre Flucht Aikos Lust am Jagen. Das Spiel wiederholt sich noch einige Male und ich bin froh, als der Wald dichter wird. Es wirkt fast wie ein immer grüner und nasser Urwald, als wir am tiefsten Punkt der heutigen Etappe eine Rast einlegen.

Vor uns liegt die Saugasse. Der Name wird Programm, denn wir haben beim Abstieg bereits mit großer Freude die endlosen Spitzkehren der Saugasse gesehen. Knapp 700 Höhenmeter im fiesen Nieselregen liegen vor uns. Ohne viele Worte geht es Kehre um Kehre nach oben. Immer wieder halte ich an und warte auf den tapferen Kai. Er flucht kaum und wenn immer mit einem Lächeln. Das schöne an solchen Aufstiegen ist, dass man mit jedem Schritt dem Ziel näher kommt. Eine Sicherheit, die man sonst selten im Leben hat, wenn man vor einer Entscheidung steht. Nach einer knappen Stunde haben wir die Saugasse hinter uns und ein Gefühl der Stärke macht sich trotz der eigentlichen Erschöpfung breit. Unser Ziel ist noch eine gute Stunde von uns entfernt und der Regen bleibt unser treuer Begleiter. Ohne große Pause und mit wenigen Blicken nach links und rechts wandern wir durch eine eigentlich herrliche Landschaft. Das Empfangskomitee am Kärlingerhaus besteht aus weiteren Kandidaten für die Grillplatte “Hubertus”, eine amtliche Herde Schafe und noch ein paar putzige Murmeltiere, die Aiko pfeifend begrüßen.

Nach zwei Tagen ohne Dusche, mit kaltem Wasser und dem Regen der heutigen Etappe investieren Kai und ich erst einmal drei Euro für ein warmes Duscherlebnis. Trotz des Anschlags mit der mahnenden Kostenaufstellung für Warmwasseraufbereitung an der Tür kommt mir die scheinbar kurze Zeit unglaublich lang und intensiv vor. Glück kann so einfach sein. Mit breitem Grinsen und dem Gefühl eine schwierige Etappe geschafft zu haben nehmen wir in der warmen und gemütlichen Hüttenstube Platz und gönnen uns ein Stück Kuchen. Nach und nach treffen immer mehr Bergwanderer an der idyllisch gelegenen Hütte am Funtensee ein. Der gerade noch so ruhige Ort füllt sich und ich fühle mich bald wie früher im Landschulheim oder auf Sportfreizeiten. Es geht lautstark zur Sache und auch beim Thema Bier und Kurze wird an einigen Tischen nicht gespart. Viele vergessen dabei ihre – falls vorhanden – gute Kinderstube. Das wäre aber alles nicht so schlimm, wenn einige sich dabei nicht in den gruseligsten Hüttenoutfits präsentieren würden. Ohne Frage geht es am Abend auf einer Hütte nicht um einen Schönheitswettbewerb, sondern um Bequemlichkeit und Wärme. Heute ist aber jeder Kreisligist und Batikfanklub vertreten, so dass man regelrecht Gänsehaut bekommt, was aber auch am Ort an sich liegen kann. Herr Kachelmann hat hier am Heiligabend im Jahr 2001 minus 45,9 Grad gemessen und den Funtensee zum kältesten Ort in Deutschland erkoren. Der Rekord brachte die nötige Medienpräsenz, aber auch einige Kritik von Klimatologen und den Menschen im Berchtesgadener Land. Nach einer großen Portion Nudeln mit einfacher Tomatensoße sind wir froh, dass wir das rappelvolle Haus verlassen können und es uns im geräumigen Winterlager gemütlich machen können. Acht Betten und zwei große Tische nur für uns drei bieten neben unglaublich viel Platz auch viel Ruhe im Vergleich zu dem Trubel im Haupthaus.

  1. danke für die vielen tollen Impressionen… was bleibt vielen von uns dieses “wilde Deutschland” doch verborgen…! Ich bin bei diesem Bericht unschlüssig was mir besser gefällt… die Fotos oder die Berichterstattung. Aufgrund zweigenanntem kann man sich die Bilder förmlich ausmalen! Viele Grüße und weiterhin: gute Reise!!

  2. Hallo Jens, haben uns gestern bei Leica getroffen.Beim Anschauen deines sehr informativen, mit besten Fotos bestückten Tagebuches bekam ich größte Lust, im nächsten Jahr die Berchtesgadener Tour mit meinem (sehr viel größeren Hund) nachzuwandern. Aber es ist sicher auf den Hütten ein Problem, mit einem sehr großen Hund übernachten zu wollen . Ein Tornjak aus Kroatien. Müssen Hunde überhaupt auf den Hütten nachts draußen bleiben?
    Für die letzten Tage klaren Himmel mit viel blauer Stunde und guter Sicht mit ungestörtem Schlaf !

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