article_25/100tage_25_

Gelddruckmaschine am Königssee

Am zauberhaften Königssee liegt St. Bartholomä. Für die Einen Ort der ältesten Gebirgswallfahrt in Europa, für Andere Start- oder Endpunkt für Bergtouren im Watzmannmassiv und für viele einfach nur eine schön gelegene Gaststätte.

Nach einer kalten Nacht am Funtensee präsentiert sich der Himmel im besten Grau und hat als Schmankerl noch ein wenig Regen für uns in petto. Meine Lust auf die heutige Etappe hält sich in Grenzen. Es ist nicht das Wetter oder der Körper, der für die Unlust sorgt, es ist der Kopf. Wenn ich eine Sache am Wandern nicht mag, dann einen Weg in kurzer Zeit ein zweites Mal zu gehen. Ich höre die Worte meines Vaters, der dann immer sagt, dass man auf dem Rückweg oft viele neue Eindrücke gewinnen kann. Mit dieser Hoffnung im Ohr nehmen wir erneut ein Frühstück zu uns, das lediglich der Nahrungsaufnahme dient, und schnallen die Rucksäcke auf unsere Regenjacken.

Für die heutige Etappe gilt es sicher und schadlos die Saugasse zu passieren und dann auf dem letzten Stück bis St. Bartholomä neue Eindrücke sammeln und auf Sonne hoffen. Zu gerne würde ich den Königssee, mit 192 Metern der tiefste See in Bayern, in seiner ganzen Pracht sehen und nicht auf einen Mantel aus Nebel blicken. Leider erwischen wir einen schlechten Start. Der Regen wird stärker und mein Begleiter Kai knickt leider einmal um und strapaziert seine Bänder im Fuß. Aber wie schon in den vergangen Tagen ist er hart im Nehmen und seine Freude über die Zeit und Ruhe in der Natur überwiegt. An unserem gestrigen Rastpunkt machen wir erneut Pause und es ist zugleich ein Wendepunkt für das Wetter. Der Regen verabschiedet sich, die Wolken reißen auf und nach knapp zwei Kilometern im dichten Wald erblicken wir zum ersten Mal das türkisblaue Wasser des Königssees. Es sieht unwirklich aus. Ist das wirklich Deutschland? Es erinnert mich an die Fjorde in Norwegen, doch das letzte Stück Weg runter zum Königsee ist betoniert und ist der entscheidende Unterschied zu Norwegen.

Kai bettelt seinen Akku an, um die letzten Aufnahmen dieser beeindruckenden Landschaft machen zu dürfen und mir mag nicht so recht die gewünschte Komposition gelingen. Die folgende halbe Stunde geht es über kleine Bäche, die im Frühjahr reißende Schmelzwasserströme sind und vorbei an kleinwüchsigen und vom Wetter gezeichneten Bäumen. Bei strahlendem Sonnenschein erreichen wir St. Bartholomä und freuen uns, dass wir auch noch einmal die Männertruppe der letzten Tage vor der Gaststätte sehen. Es ist ein Ort der Gegensätze. Auf der einen Seite die Bergwanderer und Bergsteiger, die erschöpft, aber wie wir sehr glücklich aus der Welt des Watzmannmassivs zurückkehren und auf der anderen Seite die Schar an Touristen, die ihre Jack Wolfskin Jacken ausführen und nach einer anstrengenden Bootstour die ansässige Gaststätte mit Biergarten zur Gelddruckmaschine aufwerten. Aber wir zahlen auch fleißig ein und Kai gönnt sich ein amtliches Siegergericht und ich bekomme für ein Ausflugslokal dieses Kalibers eine sehr wohlschmeckende Wildrahmsuppe.

Als feierlichen Abschluss unserer viertägigen Tour entspannen wir am frühen Abend in der Watzmann-Therme. Um mich sprudelt das warme solehaltige Wasser. Ich genieße in vollen Zügen, aber mein Blick und meine Gedanken sind immer wieder in dieser wunderschönen Bergwelt. Es war ein traumhafter Auftakt und ich freue mich auf drei weitere Wochen in den Bergen. Auch wenn es kulinarisch in den Hütten eher mau war, so hat die ruhige, wilde, sanfte und zeitgleich raue Natur mich tief berührt. Und es freut mich ungemein, dass auch Kai die Zeit genossen und ihm der Cocktail aus Anstrengung und einfachem Hüttenleben sehr gut geschmeckt hat. Am Abend geht es für uns ins Bräustüberl in Berchtesgaden, wo wir beide einen Bierochsen in dunkler Biersoße mit Breznknödel bestellen. Butterzartes Fleisch, ein Knödel in Scheiben geschnitten und angeröstet und dazu eine leckere würzige Soße sind genau das richtige Essen als Schlusspunkt unserer Wanderung. Obendrein erhalten wir von der angrenzenden Dancehall noch eine musikalische Untermalung erster bayerischer Güte, wo mich vor allem die rege Teilnahme der vielen jungen Menschen beeindruckt. Wieder einmal verflüchtigt sich ein Vorurteil, das sich aus der Ferne aufbaute und nur durch das Reisen abgebaut wird.

Für unseren letzten gemeinsamen Tag schlage ich Kai den Chiemsee vor. Er liegt für uns beide auf dem Weg und bei Traumwetter können wir noch ein paar Stunden am und im Wasser entspannen. Die Idee hatten wir nicht alleine, aber anders als sonst sind die vielen Touristen eher unterhaltend und zerren nicht an den Nerven. Wir sitzen mitten im Getümmel, genießen einen Eisbecher und ich probiere vergebens das kleine Felltier zu überreden mit ins Wasser zu kommen. Vor fünf Tagen begannen Kai und ich unsere gemeinsamen Tage mit einer Bootsfahrt auf dem Königssee und somit ist eine Fahrt mit dem Elektroboot auf dem Chiemsee der passende Epilog. Aiko ist da nicht ganz unserer Meinung, aber der stolze Preis für das Boot bringt ihn bald wieder ans sichere Ufer. Kurz vor 18 Uhr verabschieden wir uns am Bahnhof in Prien mit dem schönen Versprechen, dass wir nächstes Jahr wieder gemeinsam in die Berge gehen.

Für Kai geht es über München zurück an den Neckar nach Stuttgart und auf mich warten mit Chris und Julie zwei liebe Menschen, bei denen ich heute übernachten kann. Mit Chris war ich letztes Jahr gemeinsam knapp 20 Tage in Island. Ich freue mich schon seit Tagen auf diesen Abend, weil wir seitdem kein Treffen zustande bekommen haben. Für Aiko folgt nach der Bootsfahrt gleich das nächste Ereignis. Gemeinsam mit Julie sitzt er auf der Rückbank eines Cabrios. Nach anfänglicher Orientierungslosigkeit genießt er den Wind, den Ausblick und die Gesellschaft von Julie. Ich stelle viele Fragen über ihr Leben in Rosenheim, weil meine Eltern viel von diesem Ort schwärmen und auch mein erster Eindruck mit den Bergen, der Nähe zum Chiemsee und der Nähe zu München ideal scheint, wenn man die Natur liebt, aber trotzdem auf die Vorzüge der Stadt nicht verzichten möchte. Und als wäre der Tag nicht schon schön genug gewesen, erwarten uns zu Hause ein Grill voller Köstlichkeiten und ein kühles Weißbier. Ein Wort, bei dem ich immer an Chris denken muss, weil ich es eigentlich in Hannover immer als Weizenbier bezeichne. Ein sehr schöner unterhaltsamer Abend beginnt und selbst als die Sonne längst untergegangen ist, können wir dank der Wärme noch gemeinsam auf dem Balkon sitzen und ich mit großem Interesse den Erzählungen ihrer diesjährigen gemeinsamen Reise in Island lauschen.

  1. So, nachdem ich nun stundenlang die herrlichen Fotos angeschaut und alle Reiseberichte bis hierhin nachgeholt habe, möchte ich es nicht versäumen, mich dafür zu bedanken. Ich habe die Reise bis hierhin sehr genossen und bin gespannt auf mehr. Herzlichen Gruß unbekannterweise, Ingrid H.

  2. Über einen Tipp von April (Ingrid H.) bin ich auf Dein Reisetagebuch gestoßen und habe genau wie sie gestern und heute morgen viel Zeit hier verbracht, um nachzulesen, was Du und Aiko schon alles erlebt habt und in den herrlichen Fotos zu schwelgen. Ich werde die Reise ab jetzt auch mitverfolgen und wünsche Dir und Aiko weiterhin viele tolle Erlebnisse und nette Begegnungen! Herzliche Grüße
    Liisa

  3. Lieber Jens Franke,
    durch meinen Sohn Kai habe ich von deinem Reisetagebuch erfahren und lese es seitdem mit großem Vergnügen. Deine Fotos (und die Untertitel) fangen immer so eine ganz besondere Stimmung ein. Es gibt im Beitrag von Tag 39-40 ein Bild von Kai – könntest du es mir vielleicht schicken???
    Liebe Grüße und einen guten Wiedereinstieg (stell ich mir gar nicht so leicht vor..)
    E. H.

Kommentar schreiben