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Essen wie die Römer

Für drei Tage ändern wir unsere Reiseform und erkunden von einem festen Quartier aus die schönen Flecken im Altmühltal.

Schweißgebadet stehe ich auf dem Marktplatz in Altdorf. Die Kilometeranzeige des GPS zeigt fast 300 Kilometer an und der zweite größere Abschnitt unserer Reise ist vorbei. Eigentlich hatte ich das Frankenland mit der Fränkischen Schweiz, der Fränkischen Alb und den wunderschönen Städten Bamberg und Nürnberg gar nicht auf meiner initialen Reiseroute vorgesehen. Die Idee dazu kam mir auf Schloss Goldacker in Thüringen. Bei all der herrlichen und beeindruckenden Landschaft in Thüringen drückte mir die Tristesse und Hoffnungslosigkeit einiger Orte und auch Menschen aufs Gemüt. Sie gehören ohne Frage zu Deutschland, aber eine Intention für meine Reise war, dass ich eher die schönen Orte besuche.

Und so war es mein Vater, der mich bestärkte die Rhön zu überspringen und in Franken meine Reise fortzusetzen, das neben seiner vielfältigen Landschaft für seine rausgeputzten Orte mit guter fränkischer Küche bekannt ist. Während der Schweiß mir weiter die Stirn herunterläuft, fehlt mir noch ein wenig der Abstand, um die acht wirklich schönen Tage im Frankenland resümieren zu können. Aber ich weiß eins und darüber bin ich sehr glücklich. Ich habe einen Vater und eine Mutter, die immer ein Ohr und einen guten Rat für mich haben. Auch wenn sie es nicht glauben, so sind sie der Antrieb für meine Reise. Die stetige Neugier und das vielschichtige Interesse meines Vaters gepaart mit dem unerschöpflichem Ehrgeiz meiner Mutter lassen mich hier und jetzt auf diesem Marktplatz stehen.

Wenige Augenblicke später sind wir als Familie Franke mitten in Franken vereint und freuen uns auf drei gemeinsame Tage. Kollege Aiko benötigt ein paar zusätzliche Sekunden, um sein Weltbild zurecht zu rücken und seine ungebremste Freude zu zeigen. Eine knappe Autostunde später sind wir in Böhming im Altmühltal, wo das Urlaubsquartier meiner Eltern ist. Zur Feier des Tages gehen wir am Abend gemeinsam in den Gasthof Römer Castell essen. Ein Teil der Speisen wird hier noch nach alter römischer Tradition zubereitet. Vor allem das Hauptgericht mit dem schwungvollen Namen “Julius Julinus” erweitert meinen Geschmackshorizont. Ein zartes Stück Schweinefilet in köstlicher Kümmelsoße, serviert mit in Honig und Butter gedünsteten Zwiebeln und schmackhaften Getreidetalern. Die gehaltvollen Taler bestehen aus verschiedenen Körnern und werden angebraten serviert.

Ein wenig Sorgen machen mir die Wetterprognosen für die nächsten Tage, denn mehr als 30 Grad, über 10 Sonnenstunden und kein Wind sind ohne Frage ein erstaunliches Sommerwetter für den so oft kritisierten Sommer, aber mein Kamerad und ich bevorzugen mildere Temperaturen. So bin ich mehr als froh, dass mein Vater ein seichtes Programm für den ersten gemeinsamen Tag vorschlägt. Von Unteremmendorf aus wandern wir zum Felsentor, ein imposantes natürlich entstandenes Tor, das früher vermutlich zu einer Burg gehörte. Nachdem im letzten gemeinsamen Urlaub unser Interesse für Geocaching geweckt wurde, versuchen wir uns auch heute wieder an der Schatzsuche. Dem Kollegen mit der besten Nase kommen unsere Laufwege mehr als komisch vor und auch die plötzliche Freude nach über einer halben Stunde Suche weiß er nicht so recht zu deuten.

Vom Plateau oberhalb des Felsentores erspähen wir den Kratzmühlsee. Die Sehnsucht nach einem Sprung ist kühle Nass ist bei diesen Temperaturen größer als der Drang zu wandern und so stehen wir bald vor einem umfangreichen Verbotsschild, dass auch schwarz-weiße Huskys verbietet. Rebellisch legen wir uns ein wenig abseits des Sees und haben den Fluss Altmühl im Rücken. Die Erfischung tut gut, aber die Wasserqualität lässt es das letzte Bad sein. Ich war die letzten Jahre an so vielen Seen und immer wieder habe ich ein mindestens zehn Jahre altes Bild vor Augen. Ich sitze mit meinem Cousin Andreas auf einem Tretboot und wir fahren ein gutes Stück raus auf den Wörthsee. Es ist so klar, dass wir problemlos die zwei, drei Meter bis zum Grund sehen können. Immer wieder springe ich vom Tretboot und schwimme und tauche durch das kristallklare Wasser. Ich hoffe, dass mich meine Reise noch an den Wörthsee führt oder ich an anderer Stelle dieses Gefühl auffrischen kann.

Bevor ich am Wochenende zum zweiten und letzten Mal meine Reise für die Hochzeit von zwei mir sehr wichtigen Menschen unterbreche wartet eine weitere spannende Geschichtsstunde auf mich. Von Böhmingen aus geht es über die Altmühl auf den Kamm des Berges. Wir folgen dem Limesradweg, der uns zu einem beeindruckenden Nachbau eines Wachturmes aus Holz und Palisaden des Obergermanisch-Rätischen Limes führt. Auf Infotafeln wird der Verlauf und Aufbau der ehemaligen Außengrenze des Römischen Reichs zwischen Rhein und Donau gezeigt. Auf der einen Seite begeistern mich die planerischen Fähigkeiten und die architektonische Evolution der Wachtürme, aber auf der anderen Seite bleibt es eine Grenze, die viel Blut brachte und Menschen trennte. Bedeutender als die Grenzen müssen immer die Menschen sein, die Kraft aufbringen Grenzen niederzureißen. Denn ohne diese Menschen hätten wir kein vereintes Deutschland, keine Hochzeit am Wochenende, ich wäre nie meiner Freundin begegnet und meine Reise hätte es sicherlich nicht gegeben.

  1. Äh…wurde das schon mal irgendwo von dir erwähnt:

    Welche Kamera nutzt du und wie sieht deine Nachbearbeitung unterwegs aus?
    Lightroom und ein MB Air für das leichte Gepäck? ;-)

    Tolle Reiseberichte mit schönen abwechslungsreichen Fotos.

  2. Super Reisebericht mit bestechenden Bildern, sowohl Auflösung und Detailreichtum als auch motivisch (großes Kompliment), hab den Link von meiner Tochter nach ihrer Anfrage bezüglich beschaulichen Almgegenden in BGL. Bin schon gespannt, was aus der südöstlichen Ecke Deutschlands kommt. Und welche Alm es geworden ist. Zufällig hab ich den Platz von Bild 5 hier wiedererkannt. So menschenleer kenn ich den nicht. Kulinarisch ist diese Gegend um Post und Schwan mindestens 1 Stern wert. Viel Spass auf der weiteren Erkundung! Schöne Grüße aus Teisendorf Manfred

    • Hallo Manfred,

      zurück von der Watzmanntour möchte ich mich für das tolle Kompliment und den schnellen Almtipp bedanken. Die Landschaft der letzten fünf Tage hat mich unglaublich beeindruckt und ich hoffe, dass ich bald wieder in dieser schönen Gegend sein werde. Leider war der Montag so verregnet, dass wir auf keine Alm hoch sind bevor wir am Dienstag auf Tour sind. Aber beim nächsten Mal hoffentlich und dann auch zum Obersee! Bei den Grüßen aus Teisendorf musste ich gerade schmunzeln, weil ich sowohl ein süffiges Wieninger Bier als auch die Libella-Limonade die Tage getrunken habe.

      Beste Grüße Jens

  3. Hallo Jens,
    bringe das schöne Wetter mit und wir können die Erinnerungen von 1995 auffrischen und in die Fluten des Wörthsee’s springen.
    Deine Schnappschüsse mit ihren Geschichten und Erzählungen sind bewundernswert und beeindruckend. Wir sind auf die weiteren Berichte gespannt und wünschen Euch für Eure kommenden Touren eine stabile Wetterlage, gute Kondition und beste Trittsicherheit.
    Es grüßen Euch Roland und Monika

    • Hallo Monika und Roland,

      so lange ist das schon her? Verrückt! In knapp zwei Wochen frischen wir das auf. :-)

      Es freut mich sehr, dass Euch die Geschichten und Bilder gefallen!

      Vielen Dank für die Wünsche und ich melde mich!

      Jens

  4. Hallo Jens,schöner Reisebericht,es macht richtig Spaß es zulesen,ich bin schon gespannt auf den Rest..Dein Hund ist ja richtig knuffig,noch mehr Bilder von dem Süßen Aiko bitte :-) Liebe Grüße und weiterhin viel Erfolg,Alena

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