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Das große Fressen am Forellenteich

Im Herzen der Fränkischen Schweiz werden wir zum ersten Mal besucht und erleben ein mit Überraschungen gespicktes Wochenende.

Beflügelt von der Vorfreude auf den Besuch meiner Freundin verlassen wir kurz vor acht Uhr Gößweinstein in Richtung Bärnfels. Ich wähle den sicheren Weg entlang einer ruhigen Landstraße, um pünktlich am Treffpunkt Schulberg einzutreffen. Kurz vor dem vereinbarten Treffpunkt sehe ich ein Schild mit der Aufschrift »Leienfels 4,4km«, wo sich unsere Unterkunft befindet. Ich bin leicht schockiert, da meine Freundin Lena die Strecke am Montag früh ebenfalls zurücklegen müsste, um ihren Bus um 5:42 Uhr zu erreichen. Da war wohl unsere Euphorie auf ein Treffen größer, als eine gewissenhafte Planung. Bis zu Ihrer Ankunft lege ich mir schon einmal eine Alternative zurecht.

Aus einem unscheinbaren Bus steigt ein Mensch, der mir bereits in den ersten zwei Wochen stark gefehlt hat und für mich der einzig akzeptable Grund für einen frühzeitigen Abbruch der Tour wäre. Sie steigt aus und ein unglaubliches Kribbeln breitet sich in mir aus. Ihre Umarmung sorgt für eine Wärme, die nur Liebe erzeugen kann. Der kleine Aiko braucht ein, zwei Augenblicke für seine Einordnung, springt dann aber wie ein Flummi auf und ab und liebkost sein Frauchen. Die weniger geschickte Unterkunftswahl nehmen wir mit Humor und suchen uns im nahegelegenen Pottenstein eine vermeintlich bessere Unterkunft für zwei Nächte.

Ein Ort, dem man seine 250.000 Übernachtungen im Jahr zwar anmerkt, aber eher im Positiven als im negativen Sinne. Wir gehen auf eine kleine Erkundungstour und genießen den beindruckenden Ausblick von der Burg auf den Kessel von Pottenstein, schlürfen eine Frankenweinschorle im ältesten und wunderschönen Naturfreibad in Bayern, lassen die überfüllte Sommerrodelbahn links liegen und sitzen am späten Nachmittag beim Biergartenfest im Ortskern und genießen die gemeinsame Zeit. Zum Radler gibt es ofenfrische Schäuferla, ein herzhaft gebratenes Schulterstück mit Knochen vom Schwein, das mit Kloß und Sauerkraut serviert wird. Vor allem die würzige kreuzweise eingeritzt Schwarte schmeckt Lena. Als eine Frau an unserem Tisch versucht eine Wespe aus ihrem Bierglas zu entfernen, reiche ich ihr ein Stück meines Bierdeckels. Die Rettungsaktion gelingt und ein unterhaltsames Gespräch beginnt. Die Truppe kannte sich aus alten Fußballertagen der Männer. Etwas zögerlich erzählt Lena, dass sie Neu-Ulm, die Heimat der Gruppe, kennt, weil sie gerade als Architektin den Umbau eines Lufthansa-City-Center in der Stadt begleitet. Die Überraschung ist groß, denn das Reisecenter gehört der Nachbarin. Wieder einmal auf meiner Reise zeigt mir der Zufall wie klein Deutschland ist.

Auf dem Abendspaziergang entdecken wir an einigen Geschäften den Hinweis, dass am Montag Mariä Himmelfahrt ist und somit die Läden geschlossen bleiben. Ein Feiertag, den wir zwei Niedersachsen nicht auf dem Schirm hatten. Das Schild an der Bushaltestelle und ein Telefonat mit der regionalen Verkehrsgesellschaft bringt die feierliche Bestätigung, dass erst gegen Mittag der erste Bus fahren wird.

Am nächsten Morgen entscheiden wir uns das Hotel »Servicewüste« am Marktplatz 2 zu verlassen und am späten Nachmittag nach Nürnberg zu fahren, damit Lena am Montag problemlos den Zug nach Hannover nehmen kann. Mit einer Schar an Touristen besuchen wir die Tropfsteinhöhle. Mich begeistert das 1,5 kilometerlange Wegenetz mehr als die eigentlichen Räume. Unsere Wartezeit auf den Bus verbringen wir in einer angrenzenden Forellenräucherei, die noch überlaufener ist als die Tropfsteinhöhle. Es ist der erste Ort auf meiner Reise, an dem Deutsch beziehungsweise Dialekte davon nicht die dominierende Sprache ist. Immer wieder dringen russische Wortfetzen in meine Ohren und werfen die nächste Frage auf. Wie können diese drei kleinen Teiche diese teilweise mit Händen essende Meute tagein, tagaus satt machen.

Wir verlassen diesen skurrilen Ort und erreichen Nürnberg bei düsterem Himmel. Trotz der wideren Umstände reist das Glück mit uns und das amtliche Gewitter setzt erst ein, als wir im Hotel angekommen sind. Passend zur Stadt kehren wir im “Zum Gulden Stern” ein und schmausen köstliche Nürnberger Bratwürstchen vom Buchenholzfeuer und »Saure Zipfel«, wo die Würstchen in einem Sud aus Essig, Zwiebeln und Weißwein gekocht werden. An diesem Abend wird für mich der Inbegriff der deutschen Durchschnitts-Bratwurst zum kulinarischen Highlight. Wir schlendern durch die Gassen, passieren die Brücken über die Pegnitz, genießen den Ausblick von der imposanten Kaiserburg und schließen den Abend mit Apfelküchle und Vanilleeis im Barfüsser ab.

  1. Lieber Jens,

    nachdem Du nun genügend fränkisches Bier genießen konntest, wird es Zeit für einen fränkischen Wein: Der Silvaner oder Riesling im typischen “Bocksbeutel” aus der Region rund um Würzburg (Volkach, Randersacker, Escherndorf, Nordheim) ist zwar aufgrund der Wetterbedingungen in diesem Jahr nicht so spitzenmäßig wie in den vergangenen. Aber mit einer guten Scheibe Kümmelbrot, oder einer deftigen Brotzeit trotzdem unschlagbar. Ich hoffe, ich habe Deine Gaumenfreude geweckt und Du stattest dem wunderschönen Würzburg einen Besuch ab. Sehr empfehlenswert sind auch die zahlreichen Weinproben in der Umgebung. Und momentan findet auf dem Markt von Würzburg ein Weinfest statt.

    herzliche Grüße
    Dani

    • Liebe Dani,

      dein Tipp erfreut auf jeden Fall meinen Gaumen! Ich bin aber aktuell noch nicht sicher, wann ich nach Würzburg komme. Sobald ich es weiß, würde ich Dich noch einmal nach einem Tipp für ein Restaurant in Würzburg fragen.

      Beste Grüße
      Jens

    • Hallo Thomas und das Team Teufelshöhle in Pottenstein,

      die Vorführung “100 Minuten Spezial” klingt sehr verlockenden! Wenn alles klappt, dann wollte ich im Sommer wieder ein paar Tage in der Gegend sein. Ich melde mich dann rechtzeitig bei Euch.

      Liebe Grüße
      Jens

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